Lätschn, Larvn, Gfriesa

Ausstellung im Gulbransson Museum

Man muss bairisch können, um den Titel der Ausstellung von Hans Reiser zu verstehen. Doch sobald man seine Bilder sieht, wird es einem klar. Er lässt den Besucher in das bayerische Denken und Empfinden einblicken, mit schelmischen Details, Überzeichnungen und Wortspielereien.

Am 13. September wird die Ausstellung im Gulbransson Museum eröffnet. Seine 70 Arbeiten bieten einen Einblick in das bayerische Leben. Auch wenn in Lenggries geboren, ist er der Künstler des Tegerseer Tals. Er ging im Gymnasium Tegernsee zur Schule, in direkter Nachbarschaft der Schlosskirche, dem Bräustüberl und dem damals neuen Olaf Gulbransson Museum. Seine Werke waren im In- und Ausland zu sehen, darunter im Wilhelm-Busch-Museum in Hannover, im Albrecht-Dürer-Haus in Nürnberg und im Martin-Gropius-Bau in Berlin.

Die Ausstellung ist bis zum 6. Dezember 2015 geöffnet.

Am Freitag, 25. September , 17.30 Uhr ist ein Künstlergespräch und eine Abendführung im Rahmen der Tegerseer Woche.

Pressebilder: Alle Abbildungen © Privat

Hans Reiser, Karl Jagerfell, Gouache auf Karton, 2015

Hans Reiser, Karl Jagerfell,
Gouache auf Karton, 2015

Hans Reiser, Lätschn, Larvn,Gfriesa Gouache auf Karton, 2007

Hans Reiser, Lätschn, Larvn,Gfriesa
Gouache auf Karton, 2007

Tölzkunst 2 art-garding am Isarufer

Riccardo beteiligte sich an der Ausstellung, die der Kunstverein Tölzer Land im Freien veranstaltete. Die Isarpromenade mitten in Bad Tölz war eine wunderschöne Kulisse für die Kunst . Die Werke der fünfzig Künstler und das herrliche Sommerwetter lockten viele Besucher an.
Befremdend für Riccardo war, dass eine Dame von der Stadt beanstandete, dass seine Bilder keine PreisaAn der Isarpromenadeuszeichnung hatten. Für Kunstwerke gilt nämlich diese Pflicht nicht.

Kunstausstellung

Weise und Seher, ein aktuelles Thema

Ricc - Serie Rainbow-Rishi

Ricc ordnet auf dem Foto die Bilder ein, die er in den letzten Wochen geschaffen hat. Wieder ist es eine Serie. Er nennt sie Rainbow-Rishi.

Ich sehe Männer, es sind Weise oder Seher in phantasievollen, bunten, orientalisch anmutenden Kleidungen. Sie unterscheiden sich nur im Detail. Dies gibt den einzelnen Figuren aber eine besondere Aussage wie z.B. der Zurückhaltende, der Belehrende, der Zornige usw. Meist hat er Farben gewählt, die im Farbkreis nahe zusammenliegen.

Ich denke dabei an die fünf Wirtschaftsweisen Deutschlands, an die sieben Weisen Griechenlands und an die Weisen aus dem Morgenland. Ricc hat eher an die Rishis, den Heiligen und den inspirierten Dichtern und Sehern der hinduistischen Veden gedacht.

Ein ähnliches Thema habe ich einmal vor sechs Jahren in einer Plastik dargestellt. Ich habe die sieben Weisen als sieben Zwerge parodiert. Händeringend suchen sie nach Antworten. Als Karikatur ist sie in unseren Tagen wieder aktuell. Glasiert hatte ich die Figurengruppe in den Farben der deutschen Fahne, schwarz, rot, gold.

Die WeisenDie Weisen- Rückansicht

Kunstausstellung in Bayrischzell

Zeichnungen von Ricc zum Thema „verwurzelt“

Den Raum am Eingang mit den kleinformatigen Bildern und Plastiken fand ich von allen anderen am intimstem und heitersten. Obwohl viel zu viele Werke darin waren, strukturierte ihn die Ausstellungsleitung Gogolin durch eine geschickte, ebenmäßige Hängung.

Ich war gleich frohgelaunt, als ich die bunte Frauenfigur von der Künstlerin Uta Beckert sah. Sie hing an der Decke über einem alten Wasserbottich, als wolle sie im Paketsprung ins Wasser plumpsen. „Arschbombe“ war ihr Titel.

Wunderschön fand ich die filigranen Landschaften der Porzellankünstlerin Eleonore Fischer. Ihre Bilder, eigentlich Reliefs, sind aus eingefärbten Porzellanlamellen geschichtet. Sie wirkten auf mich gleichzeitig reduziert und kontrastreich, trotz der zarten Farben.

Neu waren für mich die Cyanotypien von Andrea Hoffmann. Riccardo erklärte mir, dass sie durch eine experimentelle Technik der Fotoübertragung entstanden. Ungewöhnlich sind auch Irnbergs Reliefs, die nicht erhaben sondern in die Tiefe gearbeitet waren und dadurch Schatten und Kanten zeigen. Ina Rall-Sichekschmidt präsentierte ihre kleinen, bunten Acrylzeichnungen in Holzrahmen. Durch die Perforation der Blätter meint man, sie hätte Skizzen aus einem Ringbuch herausgerissen.

Von der Rahmung her passten sie sehr gut zu Riccs sechs Bleistiftzeichnungen, die daneben hingen. Sie waren für mich der Höhepunkt im Raum und in der ganzen Ausstellung.

„Verwurzelt“, nennt er sie. Mit wenigen, perfekt gezogenen Strichen deutet er nicht nur ein Thema an. Er versteht es, sich deutlich und „sichtbar“ auszudrücken. Jedes Bild hat einen anderen Schwerpunkt zum gleichen Titel. Unter den 122 Werken waren es die einzigen Bleistiftzeichnungen.

Allein für die Hängung mit den exakt gleichen Abständen bei den Bildern von Ricc muss man die Ausstellungsleitung bewundern. Dass sie noch vier weitere, größere Räume mit Werken von 64 Künstlern gestalten mussten, war sicher nicht leicht. Für mich waren es zu viele Werke, um sie in kurzer Zeit würdigen zu können.

Die Bayrischzeller Ausstellung war einmal eine Landkreisausstellung. Inzwischen ist sie schon längst überregional geworden. Eine zusätzliche Landkreisausstellung würde ich mir wünschen, in der man die Entwicklung der bekannten, hiesigen Künstler miterleben könnte.

Ricc vor seinen Zeichnungen

Ricc vor seinen Zeichnungen

 

Keith Haring – in der Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung

Keith Haring – Gegen den Strich

Ich ging in die Ausstellung mit der Erwartung, frohe und leichte, Graffiti-ähnliche Bilder zu sehen. Dies ließ auch ein Zitat aus dem Tagebuch des Künstlers erwarten: „Es liegt in der Verantwortung eines -selbsternannten Künstlers- zu erkennen, dass die Öffentlichkeit Kunst braucht, und nicht darin, eine bourgeoise Kunst für wenige zu schaffen und dabei die Masse zu ignorieren, Kunst ist für alle da.“ Das bestätigte sich. Anfangs waren die Zeichnungen so, wie ich es mir vorgestellt hatte.

Je weiter ich mit Tano der Führung der Ausstellung folgte, je ernster wurden jedoch seine Themen – Rassismus, Religion, Unterdrückung, Umweltzerstörung und Krankheit – und je erdrückender seine Darstellungen. Kreuze durchbohrten Körper, Menschen wurden zu scharfen Scheren, Dollars wurden zu Bildträgern. Betroffen standen wir vor seinen letzten Bildern, die er vor seinem Tod malte. Die Ausstellung hat mich traurig gemacht, sagte Tano. Der Künstler starb mit 31 Jahren an Aids.
Am Ende des Weges durch die Ausstellung landeten wir im Museumsshop. Es gab Blöcke, T-Shirts und anderen Kram mit bunten Aufdrucken von modernen Runen aus seinen Bildern. So wie ich sie kannte. Ich kaufte mir einen Bleistift mit seinen lustigen Manschgerl und den Katalog.

Naturstudien von Pina

Pina kam zu Besuch und brachte uns den italienischen Sommer mit. So genossen wir das Dolcefarniente in unserem Garten und am See. Am Abend bekochte uns Tano, so konnten wir sagen, wir speisten beim Italiener.
Mit Pinas Abreise kam der Regen. Sie hinterließ mir aber einige Zeichnungen (Naturstudien) von meinen Pflanzen aus Ljubljana und den Zwiebeln aus Tropea.

Gewitterwolken

Endlich haben wir Hochsommer. Ich hoffe, dass nicht gleich wieder Gewitterwolken aufziehen.
Die gezeichneten Gewitterwolken von Riccardo gefallen mir. Mit wenigen Linien, einer Wolke, Blitz und Regen, stellt er ein Gesicht dar. Die zwei ähnlichen Bilder, zusammen gesehen, ergeben eine Aufeinanderfolge von starkem Regenguss und nachlassendem Regen.

Gewitterwolke 1 Gewitterwolke 2

Das etwas ältere Bild „Wolkenkuckucksheim“, ein Kopf mit einer Wolke und einem Vogel, finde ich sehr ansprechend. Riccardo sieht darin ein Luftschloss und ein Sinnbild für Utopie.

WolkenkuckucksheimGanz anders wirkt auf mich die Wolke, die zur Zeit im Museum ZKM zu sehen ist. Siehe mein Eintrag bei Facebook.

Biennale von Venedig

2. Teil
>>> zum 1. Teil

Von Motorsägen und Rosenduft

Wer in diesem Jahr die Biennale besuchte, lernte zeitgenössische Künstler kennen. Jene Künstler, die sichtbare Dinge nicht nur zeichnerisch, malerisch oder plastisch darstellen, sondern umgekehrt, mit tatsächlichen Gegenständen Kunst machen. Marcel Duchamp war einer der Ersten. Er kaufte ein Urinal, signierte es und stellte es aus. Das war schon 1917. Er wird oft auch als Mitbegründer der modernen Kunst bezeichnet.

Gleich am Eingang der Arsenale sahen wir ein Werk des jungen, französisch-algerischen Adel Abdessemed (geb.1971). Als ich seine Schwerter sah, die in Blütenformen auf den Boden aufgesteckt waren, dachte ich an die Worte aus der Bibel: „Sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln machen“.

Der bekannte Altmeister Bruce Naumann (geb. 1941) ließ mit Neonlichtschläuchen die Wörter „Human, Death, Pain, Life“ an die Wand schreiben. Ich kenne eine Neon-Installation von ihm, die im Münchner Museum Brandhorst ausgestellt ist.

Auch mit Worten drückt sich Adrian Piper (geb. 1948) aus. „Alles wird weggenommen werden“, steht 25-mal auf einer großen Tafel, mit Kreide geschrieben, teils leicht verwischt – es braucht keine Erklärung. Die in Amerika geborene Künstlerin lebt in Berlin und bekam in diesem Jahr den
Goldenen Löwen.

An der Decke hingen Knäuel von Motorsägen und Ölkanistern. Unwillkürlich zog ich meinen Kopf ein, als ich unter ihnen durch ging, so als könnten die schweren Geräte gleich runter fallen. Sie sahen so echt aus, pechverschmiert und ölig. Die Künstlerin Monica Bonvincini ist 1965 in Venedig geboren und lebt in Berlin.

Statt Bleistiftstriche auf Papier zieht die Japanerin Chihara Shiotas (geb. 1972) Linien und Schraffuren mit Wollfäden durch Räume. Anders als auf einem Blatt, kann die Künstlerin sie zu dreidimensionalen Flächen ordnen oder zu Knäuel weben. Sie spinnt Schuhe, Stühle und alle möglichen Dinge ein.
In der Biennale knüpfte sie 50.000 alte Schlüssel in ein rotes Fadengespinst ein und beleuchtete es mit rotem Licht. Die Künstlerin titulierte es „The Key in the Hand“. 400 Kilometer lang waren angeblich die roten Wollfäden.

Als ich in den niederländischen Pavillon eintrat, kam mir ein herrlicher Duft entgegen. Ich dachte, typisch Holland mit seine Tulpen. Es war aber ein Rosenduft, der von einem großen, runden Rosenknospen-Beet am Boden ausging.
Der niederländische Künstler Herman de Vries (geb. 1931), der in Deutschland lebt, war in jungen Jahren Gärtner. Er zeigt Naturbilder, besser gesagt, er ordnet Naturmaterialien zu Bildern. Aus verschieden Teilen Italiens sammelte er Erde und verarbeitete sie zu Farben. Für uns nichts Neues. Tano hat schon viele Engoben und Glasuren aus Erden entwickelt.

Vorwärts gingen wir rein und rückwärts wieder raus. Einkaufen wollten wir in dem kanadischen Tante-Emma-Laden nicht. Konnte man aber gar nicht. Also noch mal rein. Eine Plastikkatze auf dem Verkaufstisch winkte uns zu, als wir zur Keramikgießwerkstatt durchgingen. Da kannten wir uns aus. In den Regalen standen kitschige Figuren, fabrikmäßige Massenware, die noch nicht von den Fugen der Gipsformen entgrätet worden waren. Spuren vom Gießton sah man auf den Regalen und am Boden.
Im nächsten Raum, überall, neben- und übereinander Konservendosen, die mal als Farbtöpfe verwendet wurden. Ein Lebenswerk von mindestens drei Messies.
Drei Künstler waren es auch, die den Pavillon bespielten, das Trio BGL mit Jasmin Bilodeau, Sébastien Giguère und Nicolas Laverdiére. Alle drei sind im Alter meiner großen Kinder.

Eine ähnliche Idee hatte die Künstlerin Maria Papadimitrious (geb. 1957). Sie hat im griechischen Pavillon den Laden eines alten Leder- und Tierhautverkäufers aus ihrem Land verpflanzt. Alt und heruntergekommen sah der Einmannbetrieb aus. Er sollte vielleicht den jetzigen Zustand
Griechenlands zeigen.

Ich könnte noch viele Beispiele aufzählen, die den Gedanken von Marcel Duchamp fortsetzen: Glasscherben gab es im Nordischen Pavillon, Knochen und eine industrielle Sortiermaschine im Belgischen, Brot und Schwemmholz im Australischen, aufgespießte Fliegen im Belgischen.

 

Die Biennale in Venedig 2015

1. Teil

Leere Räume

Schon nach kurzer Zeit in den „Giardini della Biennale“ hatte ich das Gefühl, dass sich immer mehr Künstler zurück nehmen, sich in leere Räume zurückziehen und die Lücke ihr Thema ist.

Der schweizer Pavillon
war ganz leer geräumt. Nur grünes Licht füllte die Räume und ließ uns grün erscheinen. Wir Besucher belebten das Haus, als wären wir Darsteller von Aliens. Eine brusthohe Mauer stoppte uns vor dem letzten Zimmer. Es war mit Wasser gefüllt, das sich sanft bewegte. Es wunderte mich nicht, dass das Wasserbecken rosafarbig war. Ich dachte, dass wir nach so viel Grün die Komplementärfarbe sähen.
Den Clou der Sache las ich erst daheim im Internet. Die Künstlerin Pamela Rosenkranz (geb. 1979) ließ das Becken mit einer rosafarbenen Flüssigkeit füllen, die den Eindruck von Haut erzeugen sollte. Für sie ist die menschliche Haut schon lange das Thema ihrer Kunst. Den angeblichen Geruch von Babyhaut, der durch das Gebäude zog, hätte ich wahrscheinlich wahrgenommen, wenn ich es gewusst hätte.

Im österreichischen Pavillon
waren die Böden und Decken schwarz. Die Wände waren weiß getüncht. Kein Bild und keine Skulptur störten das Haus. In jeden Raum stand eine weiße, längliche Bank. Ich glaube, sie waren zum Sitzen gedacht.

Im französischen Pavillon
gab es einen Raum nur zum Ausruhen. Auf den Sofa ähnlichen Liegen hätten wir bequem ein Mittagsschläfchen machen können.
Doch wir waren wegen des, in der Presse vielbesprochenen, gehenden Baumes dort. Eine große Kiefer mit einem wuchtigen Wurzel-Erdballen stand in der leeren Halle. Vergeblich warteten wir, dass sie ihre Position änderte. Erst als wir ganz nah bei ihr standen, drehte sie sich um Millimeter. Die zwei Kiefernbäume vor dem Pavillon rührten sich gar nicht.
Wieder mal las ich erst daheim, dass die Bäume sich schneller bewegen, je größer die Menschenmenge ist. Als wir dort waren, bekamen sie scheinbar zu wenig menschliche Zuwendung.
Ob die lebendigen Bäume am Ende der Biennale noch leben werden? Die Wurzelballen wurden für die großen Räder und Rechner innen stark ausgehöhlt.

Im dänischen Pavillon
war ich von der Kargheit begeistert. Fast jedes Werk hatte einen eigenen Raum. So kamen sie richtig gut zur Geltung. In einem großen Raum lag auf dem Boden, wie vergessen, eine kleine Kiste mit einem antiken Fragment.
Besonders gut gefiel mir eine mittelalterliche Marienfigur. Sie stand vor einer roten Wand. Alle anderen Wände im Pavillon waren weiß. Die Madonna war so aufgestellt, als würde sie gleich vom steinernen Löwensockel kippen. Der Kontrast zwischen dem fein geschnitzten, glatten Gesicht, dem verwurmten und stark zerklüfteten Körper und dem steinernen Sockel war stark. Noch auffälliger und gegensätzlicher waren die Titel, die der Künstler Danh Vo dem religiösen Werk und auch all seinen anderen Werken gab. Es waren ordinäre, grobe Sätze aus dem Horrorfilm „der Exorzist“, der schon zwei Jahre vor Danh Vos Geburt (geb.1975) in den Kinos lief.

Der Pavillon von Uruguay
beeindruckte mich stark. Als ich eintrat, sah ich nur einen großen, leeren, weißen Raum. Eigenartig und komisch kamen mir die Besucher vor, die, fast mit der Nase an der Wand, den Putz betrachteten. Spinnweben meinte ich zu erkennen. Erst mit meiner Brille sah ich, dass an den Wänden an die hunderttausend, winzige Scherenschnitte aus weißem Papier klebten. Drei Monate dauerte es, bis der Künstler Marco Maggi (geb. 1957 in Montevido) die Klebezettel geschnitten hatte und zwei Monate soll es gedauert haben, bis die Wände von oben bis unten beklebt waren. Die Motive sahen aus wie Statik- oder Schaltpläne. Hin und wieder standen Millimeter dünne Stege oder Punkte etwas ab, sodass der Schatten dunkle Linien und Flächen dazu zeichnete. Der Künstler nannte sein Werk „Global Myopia“, Kurzsichtigkeit. Was er damit aussagen wollte, verstand man. Wie Kurzsichtige mussten sich die Besucher auf ein Detail konzentrieren. Der Künstler schärfte den Blick für das Unsichtbare, Unbedeutende und das Kleine. Das jetzt oft gebrauchte Wort Entschleunigung fiel mir ein.

Der deutsche Pavillon
war nicht leer, aber für manche Menschen versperrt. „Kein Zutritt für Besucher mit Rollstuhl, Kinderwagen, kurzem Atem oder schweren Beinen“, stand zwar nicht am Pavillon, aber es war so.
Die Ausgeschlossenen konnten den 1939 umgebauten Prunkbau der Nationalsozialisten von außen ausgiebig betrachten. Sie konnten Ausschau halten nach der angeblichen Werkstatt auf dem Dach. Vielleicht muss man nur lange genug hochschauen um raus zu bekommen, dass sie existiert.
Wir, die Privilegierten, durften uns durch einen versteckten, seitlichen Eingang zwängen und weil wir nicht all zu dick waren, kamen wir über eine enge, hohe Treppe in den ersten Ausstellungsraum. Oben angekommen, nach Luft hechelnd, setzte ich mich erst mal. Ich ersparte mir einen Rundgang und betrachtete von meinem Sitzplatz aus die ausgestellten Zeitungsseiten.

Wieder abwärts ging es zu einem futuristischen Videoraum. Die reale Welt hatte ich nun verlassen. Zum Glück gab es in der virtuellen Welt auch noch bequeme Liegestühle. Ich konnte Puste fürs erneute Hochgehen in die Wirklichkeit sammeln. Einen Ausgang gab es unten nicht.

Den Abstieg zu einem weiteren Raum, wieder ohne Ausgang, ersparte ich mir. Von oben sah ich sowieso nur kaputte Bodenfliesen.
Die Ideen und die Absichten der Künstler waren gut, etwas zu gut. Indem sie ein zweites Stockwerk einbauten und einen Teil des Bodens einreißen ließen, verlor der Raum das Prahlerische, Bombastische.
Mit den Fotos zeigten sie, wie ernst wir Deutsche die Probleme der Flüchtlinge nehmen, und mit den Videoraum, wie topaktuell und fortschrittlich wir sind.
Zu deutlich das Motto: wir sind bescheiden, problembewusst und zukunftsweisend.

>>> weiter zum 2. Teil

Kunst in Istrien

Spätantike, frühbyzantinische Kunst in Poreč

Unsere Reiseführerin in Istrien war eine geschäftstüchtige Frau. Schon im Bus wies sie uns auf das gute Cafe in Poreč hin. Sie wusste auch schon den Preis einer Eiskugel.

Es gäbe auch eine Kirche mit Mosaiken. Ähnlich den Kirchen, die sie uns schon gestern und heute gezeigt hatte. Kirchenbesuche könnten uns bald zu viel werden, meinte sie.

Sie führte uns durch den Ort. Die Hauptgasse hatte den Namen Decumanus. Ein Hinweis auf die Zeit, in der die Straßen nach der römischen geometrischen Straßenordnung benannt wurden. Sie erinnerte mich sofort an die Hauptstraße Decumanus des Expogeländes in Mailand, wo wir erst vor kurzem waren.

Eis wollten Tano und ich auch, doch vorher, noch schnell die Kirche besuchen und dann ins Cafe gehen.

Zum Eis kamen wir nicht. Dafür sahen wir und noch drei Mitreisende eines der bekanntesten und berühmtesten Bauwerke der Adria Region, einen spätantiken, frühbyzantinischen Kirchenbau aus dem 6. Jahrhundert: „San Euphrasius“.

Wir waren hellauf begeistert von der dreischiffigen Basilika mit den Fresken, den Inkrustationen und Mosaiken, dem Atrium mit den Säulen, dem achteckige Baptisterium mit dem Taufbecken und dem etwas neueren, mittelalterlichen Turm mit den Glocken.

Ich hatte die gleiche euphorische Stimmung, wie vor Jahren in der Kirche San Vitale in Ravenna und in Sant’Ambrogio in Mailand.

Im Eilschritt und etwas Gram auf die Reiseführerin kamen wir zurück zum Bus. Dieses Zeugnis früher Kunst hatte sie vielen Leuten unserer Gruppe unterschlagen.

Terra Rossa

Unsere Reiseleiterin schlug einen kleinen Umweg vor, über einen Berg mit einer fantastischen Aussicht, Gelegenheit für eine Fotosession und zugleich Möglichkeit, einheimische Produkte kaufen zu können.

Mich störte es nicht, dass die Verkaufsstände den Ausblick verdeckten. Ich sah nur den Roterde-Boden und dachte, dass diese typisch istrische Erde vielleicht eine schöne Engobe für unsere Keramiken ergeben könnte. Mit Steinen und Fingern kratze ich die Erde locker und bekam zwei kleine Tüten voll.

Venezianischer Barockstil in Rovinj

Auf der höchsten Stelle von Rovinj steht der Glockenturm mit einer drehbaren Figur, der hl. Euphemia. Sie ist die Patronin der Kirche. Sie zeigt den Fischern die Windrichtung und uns den Weg. Die Kirche ist im venezianischen Barockstil gebaut.

Auf Pflastersteinen aus weißem Marmor stiegen wir zu ihr hoch.

Nach unten ließ mich die Heilige nicht so gerne. Auf den von vielen Füßen glattpolierten Steinen rutschte ich aus. Barfuß gings leichter.

Dass hier in der kroatischen Stadt die Venezianer viele Jahrhunderte das Sagen hatte, merkten wir schon unten in der Stadt. Auf dem Platz am Hafenbecken prangt am Uhrturm ein Relief mit dem Markuslöwen. Der Kirchturm oben glich sogar exakt dem Campanil von Venedig. Hier ist Italienisch immer noch die zweite Amtssprache.

Piran in Slovenien

Eine ebenso venezianisch geprägte Altstadt hat der slowenische Ort Piran. Auch hier dreht sich auf dem Glockenturm eine Figur nach der entsprechenden Windrichtung, diesmal der hl. Georg. Der Turm ist ebenfalls eine Kopie vom Turm des Markusdoms. Und das Rathaus ziert ebenso ein Löwenrelief.

Interessant fand ich eine alte, große Olivenölpresse im Judenviertel. Vielleicht modelliere ich mal eine in Miniatur, als Öllicht.

Neobyzantinischer Baustil

Dass wir unsere freie Zeit in Triest in der serbisch-orthodoxen Kirche verbringen würden, hatten wir nicht vor. Nur kurz wollten wir den Innenraum der Kirche anschauen, die im neobyzantinischen Stil, Mitte des 19. Jahrhundert gebaut wurde.

Es war gerade ein Gottesdienst.
Nachdem die Gläubigen uns so freundlich Platz machten und zur Seite rückten, blieben wir. Wir feierten mit ihnen den Dreifaltigkeitstag, das Patroziniumsfest ihrer Kirche. Das wussten wir natürlich erst dann daheim, durchs Internet. Wir verstanden nicht viel. Aber die Gebete, Lieder und Zeremonien berührten uns.

Wir machten einfach mit. Das Kreuzzeichen machten wir andersherum und das Küssen der Ikonenbilder war wahrscheinlich auch nicht in der richtigen Reihenfolge. Wie alle Gläubigen nahmen wir auch ein Büschel gemähtes Gras mit, das am ganzen Boden ausgelegt war. Es war ein spezieller Brauch nur an diesem Tag, dem Sonntag am 31. Mai.
Die Kerzen, die wir zum Opfern kauften, zündete ich aber nicht an. Den intensiven Duft von den brennenden Bienenwachskerzen der Kirche wollte ich daheim nochmal erleben.

Jugendstil in Ljubljana

Ljubljana feiert in diesem Jahr ihren Bürger, den vor 150 Jahren geborenen Architekten Max Fabian. Er studierte in Wien bei Otto Wagner, dem bekanntesten Architekten und Stadtplaner der Belle Epoque. So brachte er den neuen Architekturstil, den Jugendstil, nach Ljubljana. Die Stadt wurde damals von einem Erdbeben völlig zerstört. So schrecklich es war, brachte es die Chance, eine neue, moderne Stadt aufzubauen.

Unsere Stadtführerin zeigte uns viele Gebäude, Anlagen und Brücken aus dieser Epoche, der Wende vom 19. ins 20. Jahrhundert. Ich kam nicht dazu, die Namen der Gebäude und derer Architekten zu notieren, geschweige sie mir zu merken.

Wir genossen die Atmosphäre, die Kunst und die Sonne und fühlten uns wohl.
Als wir allein waren, schlenderten wir dem Fluss Ljubljanica entlang zu den Märkten. Tano fand es keine gute Idee, dass ich Pflanzen für unseren Garten kaufte. Jetzt hoffe ich, dass sie den Wachstumsvorsprung beibehalten und wir bald Auberginen, Paprika und Tomaten ernten können und von der Erinnerung dieser bezaubernden Stadt noch lange zehren können.

Auch eine Kunst

Unsere Reiseführerin war tüchtig. Sie kannte in jeder Stadt ganz besonders gute Geschäftsleute und preiswerte Läden, wo wir Wein, Trüffel in allen Variationen, luftgetrockneten Schinken, Krainer Wurst, Honiglikör, Lavendelblüten, Fleur de Sel und Meersalz kaufen konnten.

Ich ließ mich auch überreden. Ich kaufte zwar nicht 5 Kilo grobes Meersalz für 4 Euro, dafür aber eine dünne, kleine Tafel Salzschokolade für 4,60 € und zwei Flaschen süßen Wein, gekeltert in Slowenien. Den Salzgeschmack der Schokolade spürte ich nicht heraus und den Wein vergaß ich im Bus.

Geld wechseln wäre überhaupt nicht nötig, sagte unsere Reiseführerin. Alles kann man in Euro zahlen; der Toilettenbesuch kostet 70 Cent.

Noch eine kleine Geschichte am Rande. Unser heimischer Reiseführer Klaus freute sich über sein erstandenes Gläschen Trüffel. Importware aus Italien, las unsere slowenische Führerin auf seinem Gläschen. Er hätte im falschen Geschäft gekauft. Sie zeigte uns das Richtige. Da gab es slowenische Trüffel mit der Aufschrift „Made in Italia“.