Das zweite Coronajahr

Das zweite Coronajahr begann ruhig. Keine Ausstellung, kein Markt drängte mich zum Arbeiten. Sogar das Aufräumen und Putzen war nicht mehr wichtig, wir erwarteten keine Besucher.

Ohne Unterbrechung konnte ich Daniel Specks „Jaffa Road“ lesen und die 153 Seiten von Philippe Sands „die Rattenlinie“ verfolgen.

Trotz aller persönlichen Ruhe war die Zeit überdreht und verrückt: Trump jagte nach den verlorenen Stimmen, die Regierung nach Impfstoff, die Nachrichtensprecher nach neuen Wörtern. Es gab plötzlich Impfdrängler, Covidioten, Maskenmuffel, AstraZeneca Verweigerer und ..

Es schien und scheint, dass sich die Zeit des Surrealismus jetzt nach hundert Jahren wiederholt. Der Surrealist Rene Magrit war für mich jetzt Ideengeber.

So wie Picasso mir in meiner Jugendzeit verrückt vorkam, so entdecke ich ihn jetzt als weit und scharfsichtig. Sein Wandbild Guernika berührt mich, wie auch seine Frau mit Hahn von 1938. Der gefesselte Hahn wurde für mich eine Metapher für Leben und Tot.

aus dem Wandbild „Guernika“ von Picasso

Picassos Hahn

In seinem Bild „der Traum“ von 1932 sah ich den erotischen Inhalt überhaupt nicht, ich machte daraus eine „schlafende Leserin“. Statt der Kette, die den Hals umspielt, modellierte ich eine Lesebrille.

schlafende Leserin

Die Zeichnungen von M.C. Escher, die ich vor meiner Chemo in einer Ausstellung in Tanos Heimatstadt Catania sah und damals psychedelisch deutete, überraschen mich jetzt nicht mehr. Dem femininen Baum setzte ich einen maskulin scheinenden Baum gegenüber.

Den übermütigen Ikarus bemalte ich mit Silikatkreiden und stellte ihn draußen auf. Ich hoffe, dass sich die Farben im Regen vermischen und die Figur einmal einem Ausgrabungsfund ähnelt.

Ikarus

Ich sehe jetzt, dass all meine neuen Arbeiten an alte Künstler und Werke anknüpfen. Als vor kurzer Zeit die fulminanten Hüte der erlauchten Damen auf dem Balkon des Buckingham Palastes durch die Presse gingen, dachte ich an Karl Hubbuchs Damen „in einer Modeschau“ (neue Sachlichkeit).

Beim Modellieren der Teufelchen dachte ich mir nicht viel. Sie sollten frei und lustig sein. Als ein Besucher die Augen leicht verdrehte, die Nase hochzog, suchte ich „Teufelchen“ im Internet. Bei Google gibt es dazu 2.400.000 Ergebnisse. Deutschland hat 83.000.000 Einwohner.

Paul Klee Ausstellung, Pinakothek der Moderne

Ich war mit Tano und Cati in der Pinakothek der Moderne. Wir besuchten die Ausstellung von Klee, „Konstruktion des Geheimnisses“.

Gleich beim Eintreten war ich verwirrt, ein Teil des Museums schien umgebaut. Es gab spitz zulaufende Wände, Nischen und Vorsprünge. Cati erkannte sofort, dass alles beim alten geblieben ist. Die Wände waren nur raffiniert mit Farbe und Linien perspektivisch verändert. Eine ausgeklügelte optische Täuschung! So verwinkelt wie die Bilder von Klee.
Ich mochte seine (oder Klees) Bilder schon immer. In jungen Jahren klebte ich Abbildungen seiner Werke in Postkartengröße an die Wand.

Eine meiner ersten Keramikarbeiten waren Vögel, in ähnlicher Form, wie sie Klee 1923 in dem Bild „Landschaft mit gelben Vögeln“ malte.

Die Schiffe sind jetzt ganz neu entstanden, angeregt von dem Bild, “Schiffe im Dunkeln“, 1927.

Alle Plastiken sind aus Steinzeug, glasiert und gebrannt bei 1250°C

Rehaklinik St. Irmingard

Tona schreibt über die Rehaklinik St. Irmingard

Die Rehaklinik verglich ich mit einer Rettungsinsel, auf der man wieder aufgepäppelt und betreut wird. Es gibt reichlich Essen und Therapeuten bereiten einen wieder fürs Festland vor.
Die Geretteten erzählen sich untereinander von ihren Erlebnissen auf „stürmischer See“, fast anteilslos, so als hätten sie darüber den gleichen Artikel in der Zeitung gelesen; nur leicht unterschiedlich wiedergegeben und interpretiert.
Umsonst hatte ich Anorak und Handschuhe eingepackt und viel zu viele Bücher, Zeitschriften, Farben und Bleistifte. Das Wetter wurde sommerlich und die Zeit reichte nicht zum Lesen, sie verging so schnell wie daheim.


Nur in der Erinnerung scheint sich die dort erlebte Zeit zu dehnen. Ich denke immer wieder zurück, an die Patienten mit ihren Smartphones in Händen, die freundliche Putzfrau, das Abschiedsgeschenk der Tischgenossen und an die Ankunft daheim. 107 Tulpen zählte ich am Straßenrand entlang unseres Zaunes.
Das größte Mitbringsel war, dass der Kaffee wieder schmeckt und die Arbeit mit Ton immer noch Freude macht.

Plastik: „Einsam gemeinsam oder umgekehrt gemeinsam einsam“

Steinzeug unglasiert aus zementfarbigen Ton, gebrannt bei 1250°C

Klee und Kandinsky im Lenbachhaus – Kunstbau

Soll ich die Ausstellung Klee und Kandinsky besuchen? Die beiden Künstler kenne ich schon aus vielen Büchern und Museen.

Gut, dass Tano beschloss, nach München zum Lenbachhaus zu fahren.

Schon nach kurzer Zeit im unterirdischen Kunstbau war ich begeistert. Ich lernte Klee und Kandinsky nicht nur als Künstler, sondern als Lehrer, Nachbarn, Freunde und Konkurrenten kennen.

Die Ausstellung beginnt zeitfolglich mit dem Kennenlernen in München (blaue Reiter) und setzt sich fort über die Jahre am Bauhaus in Weimar und Dessau bis zur Emigration nach der Machtübernahme der NS. Die gemeinsamen Lebensstationen werden schriftlich auf Plakaten beschrieben. So erfahre ich über die Zeit im Bauhaus, dass die Schüler bei Kandinsky strenge Farb- und Formuntersuchungen machten und Respekt vor ihm hatten. Bei Klee dagegen ging es um erzählerische Elemente, figürliche Anspielungen und inhaltliche Richtungen. Aber man konnte bei ihm machen was man wollte.

Ich suche nach Spuren aus dem Jahr 1916, nach einem hundertjährigen Bild. Ich fand im Ausstellungskatalog nur, dass Klee zu der Zeit zum Wehrdienst einberufen wurde und Kandinsky in Stockholm weilte, wo er seine Beziehung zu Gabriele Münter abbrach.

Ein ausgestellter Brief von Klee versetzte mich in die Gegenwart. Er schrieb: „Wenn es auch wahr wäre, dass ich Jude bin und aus Galizien stammte, so würde dadurch an dem Wert meiner Person und meiner Leistung nicht ein Jota geändert … dass ein Jude und ein Ausländer an sich nicht minderwertiger ist als ein Deutscher und Inländer …“

Klees Bilder mochte ich schon in jungen Jahren. Sein Bild „Landschaft mit gelben Vögeln“ regte mich einmal an, ähnliche Vogelformen plastisch darzustellen. Das war vor 10 Jahren.  Inzwischen sind sie bis auf ein Paar ausgeflogen.