Ausstellung im Palazzo Grassi Luc Tuymans

Wenn wir schon in Venedig sind, dann mussten wir natürlich auch den wunderschönen Palazzo Grassi besuchen.

Diese Jahr 2019 stellt Luc Tuymans aus (geb.1958 in Belgien) Das Thema der Ausstellung: La Pelle
Gleich in der Mitte des Atriums war ein riesengroßes, begehbares Mosaik. Ich las, dass es mit 200.000 Steinchen extra für die Ausstellung gemacht wurde, nach einem Gemälde vom Tuymans, das er wiederum nach einer Zeichnung von Alfred Kantor, einem Überlebenden aus dem deutschen Arbeitslager Schwarzenheide, fertigte. Tano und ich trauten uns gar nicht darauf steigen.

Über die ausladenden Treppen des klassizistischen Palazzos kam man zu den Ausstellungsräumen im ersten und zweiten Stock.

Seine Bilder fielen auf den großen, weißen Wänden fast nicht auf. Sie waren verwaschen und wirkten verschwommen. Bleich und unauffällig waren die Gesichter. Sie wirken durch ihre aufgerissenen Augen traurig. Das Rundherum fiel genauso wenig auf. Sogar ein dunkles blau oder schwarz wirkte gebleicht.

Zwischen den rahmenlosen Bildern war viel Raum. Die weißen Wände wirkten wie Passepartouts.

58. Biennale Venedig 2019

Die letzte Biennale 2017 fiel für mich leider ins Wasser. Ich habe mich jetzt wieder hoch gestrampelt und so konnten Tano und ich uns heuer auf den Weg nach Venedig machen. Diesmal ganz umweltfreundlich, mit dem österreichischen Nachtzug München-Venedig.

Ich hatte fast ein schlechtes Gewissen, die Stadt zu besuchen, da die Masse von Touristen für die Venediger eine Belastung ist. Aber ohne uns wäre es auch nicht gut. An den Orten, wo wir waren, gab es kein Gedränge.

Während Tano sich für die Eintrittskarten zur Biennale anstellte, setzte ich mich auf eine frischgestrichene rote Bank. Mit der Hand fühlte sie sich trocken an. Trotzdem lief ich dann den ganzen Tag als wanderndes Kunstwerk mit rotem Hinterteil umher.

Als gutes Omen deutete ich die lichte Wolke, die über dem italienischen Pavillon schwebte, erzeugt durch eine Nebelmaschine. Schrieben doch die Zeitungen, dass bei der Eröffnungsfeier die grauen feuchten Nebelschwaden bis ins Innere des Hauses zogen.

Leichten Fußes begannen wir unseren Rundgang durch einen engen Korridor. Grelles Licht blendete uns. So weiß, dass es schmerzte. Im Laufschritt durchquerten wir den Lichtschacht hin zu einer knienden zwei Meter hohen Terrakottamadonna. Ihre Hände lagen abgehackt am Boden. Was dann eine Mauer mit Stacheldraht und Schusslöcher aussagen sollte, war deutlich. Ebenso eine Installation mit Steinen aus einem Atomkraftwerk.

Keramikmasken an der Wand sahen so aus, wie meine Tonarbeiten unbearbeitet.

Eher ein Spektakel war für mich der Roboter, der ständig versuchte, mit einem Greifarm blutfarbige Flüssigkeit in die Mitte zu wischen. Dabei verschüttete er erneut die Farbbrühe. Erinnerte mich sofort an meinen Haushalt, kaum aufgeräumt, entsteht am anderen Ende wieder Unordnung.

Lustig sahen die fleißigen Arbeiter im belgischen Pavillon aus. Lebensgroße mechanische Puppen, in folkloristischer Tracht, kochten, malten, musizierten. Überall surrte und schnurrte es. Erst später sah ich in den Seitenräumen, abgesperrt hinter Gittern, die Figuren der Kranken, Armen und Flüchtlinge. Sie waren die Zuschauer.

Der nordische Pavillon gefiel mir immer schon. Mitten im Raum wachsen meterhohe Bäume durch das Dach. Ton in Ton war diesmal die Ausstattung. Die Farbe des Boden wiederholte sich in den Installationen mit Pflanzen, Algen und Steinen. Ich konnte es nicht lassen, mit einem Finger einen Stein zu berühren. Ich wurde mit Recht gleich ermahnt. Aber ich wusste jetzt, dass sie aus Sand geformt waren. Sand in Nylon gepackt, las ich später.

Nachdem wir fast in allen Pavillons waren, suchten wir erschöpft die Ecke mit den Liegestühlen. Diesmal lagen große, weiche Matten auf dem Boden. Sie waren noch unbesetzt. Nachdem wir die Schuhe ausgezogen hatten und uns darauf ausstreckten, erkannten auch andere Besucher, dass es keine Kunstinstallation war.

Wir waren wieder frisch und aufnahmebereit für die internationale Ausstellung in den Arsenalen zum Thema: „May you live in interesting times“. Allein die alten Hallen und das Wissen, dass dort vor Jahrhunderten für die Seeschlacht von Lepanto 100 Galeeren gebaut wurden, macht einem ehr(und)fürchtig.

Jetzt auf Anhieb erinnere ich mich nur noch an besondere Kunstwerke.

Das Bild „Double Elvis“ von George Condam am Eingang vergesse ich sicher nicht mehr. Riesengroß bis unter die Decke reichte es. Wahrscheinlich, weil es eine Antwort auf Andy Warhols gleichnamigen Siebdruck war.

Im Dachstuhl waren von der deutschen Installationskünstlerin Alexandra Bircken zusätzliche Balken und Leitern eingebaut, auf denen 40 schwarze Latexfiguren hingen. Kalt läuft es mir jetzt noch über den Rücken. Sie sahen aus wie vom Feuer geschrumpfte und geschmolzene Menschen.

Eine rießengroße Sitzende auf einem Flugzeugsitz, drapiert mit Stofffetzen in kauernder Haltung war auch erschreckend. Rote Plastikstühle mit drei Meter hohen wackeligen Stahlfüßen strahlten Unsicherheit aus. Ich komme mir vor, wie ein Kind, dass belehrt werden muss. Die Figur mit alten Kleiderfetzen, oder der Marmorthron der gepeitscht wird, kann ich vielleicht noch deuten, vieles aber nicht.

Indien war nach langer Pause, so las ich, auch wieder vertreten. Auf drei großen Flächen waren eng aneinander Holzschuhe angebracht; ideenreich und wunderschön kunsthandwerklich verziert. Ich suchte den für mich passenden Schuh aus, der nicht nur mein momentanes Empfinden wider gibt, sonder seit meiner Chemobehandlung das taube Gefühl der Füße bildlich zeigt. Ich fotografierte den Schuh.

Saudi Arabien war zum ersten Mal dabei. Wunderschöne, aus Leder geschnittene, durch Hitze geformte Gebilde, die an Seeigel und Muscheln erinnerten, waren zu einem riesigen Ornament zusammengeknüpft. Anerkennend ist, dass die Künstlerin eine Frau ist, die das Land präsentiert. Ich freute mich, dass ich ein dreisprachiges großes Buch geschenkt bekam. Wahrscheinlich betrachtete ich besonders interessiert die kunsthandwerklichen Arbeiten.

Noch ein Geschenk gab es bei der österreichischen Künstlerin Renate Bertlmann. Ein großes Plakat mit einem Foto einer Rollstuhlfahrerin. Buch und Rolle trug ich brav durch die Stadt. Das eingerollte Plakat überstand leider die Zugrückfahrt nur halb. Ich glaube, ich habe es beim Aussteigen in Tegernsee vergessen. Schade.

Den obligatorischen Bleistift als Andenken kaufte mir Tano, ohne zu Fragen, ob ich ihn möchte.

Alle Jahre wieder

Impressionen vom Weihnachtlichen Schlossmarkt Tegernsee

Lang ist es her, so lange, dass ich nicht mehr weiß wie oft wir uns mit unseren Tonarbeiten auf den verschiedenen Christkindlmärkten im Tegernseer Tal beteiligten. Seit es den Weihnachtlichen Schlossmarkt in Tegernsee gibt, sind und waren wir dabei.

Der Schloßplatz vorm ehemaligen Kloster mit seiner Kirche und dem Bräustüberl ganz nah am See und im Hintergrund der Walberg, ein idealer noch dazu geschichtsträgiger Platz für einen romantischen Christkindmarkt.

Impressionen vom Schlossmarkt 2018

In der Weihnachtshütte

Gartenkeramik

Krippen und Kleinzeug

Von der Meta-Gadesmann-Straße zu Herbert Beck

Bis zum 30. September kann man die Ausstellung „Herbert Beck trifft Emil Nolde. Inspiration und Umsetzung“ im Gulbranssonmueum besuchen.

Ich freue mich, dass ich das Ehepaar Beck noch kennen lernen durfte. Wir trafen uns nicht nur bei einem kleinen Ratsch auf der Straße, sondern jedes Jahr bei Fachgesprächen in der Tegernseer-Tal-Ausstellung. Sie waren jedes Jahr mit ihren neuesten Werken dabei. Besonders freut es mich natürlich, dass ihnen meine Plastiken gefielen. Herbert Beck hat die Ausstellung vor 68 Jahren mit Olaf Gulbransson,Thomas Baumgartner und Ilse Hausner-Witschel ins Leben gerufen.

Von den beiden Becks erfuhr ich auch die Geschichte unserer Meta-Gadesmann-Straße, nach dem sie mich nach meiner Adresse gefragt hatten.

Er erzählte, dass er in den 50iger Jahren oft in dem Haus der Kunstsammlerin Meta Gadesmann war. Dort trafen sich regelmäßig Kunstinteressierte bei Teestunden und rauschenden Festen. Beck schwärmte, dass ihm dabei Bilder von bekannten Künstlern umgaben, wie Picasso, Modigliani, Corinth und Chagall.

1958 macht er im Haus von Meta Gadesmann Bekanntschaft mit der Kunsthändlerin und Sammlerin Hanna Bekker vom Rath. Sie unterstützt seine Karriere als Maler und nahm viele seiner Werke in ihre wichtige Sammlung Deutscher Expressionisten auf.

Er lernte dort auch die Malerin Ida Kerkovius kennen, in deren Privatsammlung seine Bilder neben Klee, Jawlensky und Kirchner hingen. Im Internet las ich, dass sie zum Stuttgarter Kreis der Avantgardisten gehörte und zu den bedeutenden weiblichen Vertreterinnen der Klassischen Moderne in Deutschland zählt.

Frau Gadesmann war einmal enge Mitarbeiterin des Chefs der weltbekannten jüdischen Firma „Telefonbau & Normalzeit“ in Frankfurt. In der Hitlerzeit wurde sie inhaftiert, weil sie Gelder ins Ausland verschob, um jüdischen Freunden bei der Existenzgründung im Exil zu helfen.

Herbert Beck schenkte mir und meinem Mann einmal seinen Katalog. Für eine Widmung hatte er keine Zeit. Er würde es einmal nachholen. Leider kam er nicht mehr dazu.

Einen Einblick in Becks Atelier zeigt das folgende Video:
https://www.youtube.com/watch?v=wZ-UXGcOwpY

Gabriele Münter, Ausstellung Kunstbau des Münchner Lenbachhauses

Gabriele Münter. Malen ohne Umschweife.

Tano und ich trafen uns mit unseren Münchner Kindern und besuchten zusammen die Ausstellung „Gabriele Münter. Malen ohne Umschweife“ im Kunstbau des Münchner Lenbachhauses.
Der Austausch untereinander hob unsere Stimmung. Es war spannend welches Bild jeder von uns favorisierte.
Mir fiel auf, dass Münter je nachdem was sie malte die Stile wechselte. Doch als ich vor ihren drei Bildern „im Cafe“ alle aus dem Jahre 1914 stand, staunte ich. Sogar die gleiche Szene malte sie einmal naturalistisch, dann expressionistisch und abstrakt. Sie spielte mit dem Pinsel, als suche sie nach ihrem Stil. Selbst eine Kinderzeichnung motivierte sie zu dem Bild „Landschaft mit Haus“. Eine süddeutsche Heilig-Geist-Taube, eine Devotionale aus dem 19 Jahrhundert beflügelte sie zu drei Bildern mit den Titeln „Stilleben Pfingsten“, „Tiroler Stillleben“ und „Stillleben Pfingsten“.
Bald hätte ich das Lieblingsbild meiner Tochter übersehen: Eine Frau die in der Trambahn sitzt und ihre Einkäufe, mehrere Pakete, eine rote Blume und ein Täschchen auf dem Schoß hält. Gabriele Münters Begeisterung für die Bauarbeiter an der Baustelle der Strecke der Olympiastraße 1935-37 konnte Tano nicht teilen.

„zwei Damen mit Mütze“

Anschließend erholten wir uns im Café.
Die Krönung des Tages, das i-Tüpfelchen, erlebte ich dann am Abend als wir wieder daheim waren. Pina mailte uns ihr wunderschönes Aquarell „zwei Damen mit Mütze“. Sie war von der Ausstellung so inspiriert, dass sie zu Hause sofort den Pinsel schwang. Bei der Farbwahl war sie etwas mutiger als sonst.

Ausstellung: Fernando Botero Museum Moderner Kunst Passau

Ausstellung im Museum Moderner Kunst Wörlen in Passau – Boterosutra

Der Zug, in dem wir saßen, bewegte sich nicht mehr. Tano und ich mussten umsteigen. Als wir endlich vor dem Tor des Passauer Museums standen, waren, mit dem Fußweg entlang der Donau, fünfeinhalb Stunden vergangen.

Am Eingang warnte ein Zettel, dass die Bilderschau nicht für unter 16-jährige geeignet ist. Verständlich, denn ich las daheim schon, dass der Künstler Fernando Botero sich von der indischen Liebenskunst aus dem Kamasutra anregen lies. Er nannte seine Bilderserie selbstironisch sogar Botero-Sutra.

Wer sich erhoffte, pornografische Szenen zu sehen, wurde enttäuscht. Die nackten Körper waren füllig überzeichnet, doch die Geschlechtsteile konnte man nur erahnen. Dagegen waren Arme, Busen, und Beine übertrieben voluminös dargestellt. Erotisch und verführerisch wirkten die Körper nur durch die zarten, trotzdem leuchtenden Hautfarben. Abgelenkt haben mich Details, wie die Schleife im Haar der Frau, die Armbanduhr am Gelenk des Mannes oder das Muster des Betttuches.

Am Ende unserer Besichtigung war ich müde und meine Augen waren satt. Auf den 70 ausgestellten Bildern, alle mit dem gleichen Thema und dem gleichen Mann, veränderte sich nur die Lage der Liebenden, von oben nach unten und von links nach rechts. In der Erinnerung verschmolzen die vielen ähnlichen Bilder zu Einem.

Abends um halb neun waren wir wieder daheim. Tano und ich bereuten die kleine Ober-Niederbayerische-Weltreise aber nicht.

Artcycling Festival in Holzkirchen

Ausstellung in Holzkirchen vom 29. Juni – 2. Juli

Die „Kulturvision aktuell“ schrieb über die Ausstellung:

Mit der Ausstellung von 25 grandiosen Künstlern aus dem Landkreis Miesbach und über diesen hinaus wurde am 29. Juni Abend das ARTcycling Festival im KULTUR im Oberbräu eröffnet. Kunst der anderen, der kritischen, der humorvollen, der nachdenklichen Art erwartet die Besucher bis Sonntag.

Frau Dr. Ziegler, die Initiatorin des Festivals, und die Kulturhauschefin Ingrid Huber mit ihrem Team luden uns zum Mitmachen ein.

Riccardo zeigt seine Mixed Media Werke in der Ausstellung: „The heart of the wild rose“ und „Artefakte“.

Besonders seine zu den Bildern dazugefügten Objekte waren beeindruckend: Wurzelholz von einer Wildrose und eine alte Sandspielschaufel aus seiner Kindheit verbunden mit einem Besen, der alle Ecken des Hauses gesehen haben muss.

Ricc Milazzo Objekte und Malerei: die Schaufel des kleinen Jungen, der Besen, der jede Ecke des Grundstückes gesehen hat; Alltägliches, Wiedergefundenes und Erspürtes

Es ging um Upcycling Kunst, das heißt nicht mehr gebrauchtes oder unbeachtetes wird wertvoll. Wie passten die Werke von Tona und Tano zu diesem Thema?
Der Anlass sind unsere selbstgemachten Glasuren, die ohne die gekauften Fritten aus Naturmaterialien bestehen: Asche, Steine, Erden, Sand und Glasscherben.

In sechs kleinen Schalen präsentierten wir Aschen aus verschiedenen Holzsorten, Erden aus Niederbayern, Tegernsee, Istrien, aus unserem Fluss der Weißach und vom Ätna auf Sizilien mit den dazugehörigen Glasuren. Meine Steinzeugplastiken zeigen die Wirkung der Ascheglasuren und Tanos Mosaikkugeln die eingefärbten Asche-Pflasterstein-Glasuren, eingefärbt mit Eisen, Chrom und anderen Farbkörpern.

Ostern 2017

Mit dem Skizzenbuch im Gepäck kam Pina zu ihren Eltern. Endlich hat sie einmal Zeit als Urban Sketcherin die schönen Ecken von Rottach-Egern zu entdecken. Daraus wurde nichts. Regen und nur 5 Grad Celsius hielten sie im Haus fest. Dafür entstanden wunderschöne Porträts der Eltern und von zwei ihrer Geschwister.

Sizilien 2017

Sizilien 15.- 22. März 2017

Unser Hotelzimmer

So ein großes Hotelzimmer mit fast vier Meter hohen Wänden hatten wir noch nie. Warum so hoch? Italiener sind doch von kleiner Statur. Außer Atem, nach 29 Treppenstufen lies ich mich gleich in den Stuhl einer Korbsitzecke fallen.

Nur zwei kleine Balkontürfenster, hinter wuchtigen Vorhängen, ließen Licht in unser Zimmer. Schon gut für eine Woche; Hauptsache war die gute Lage im historischen Zentrum mit allen Sehenswürdigkeiten im Umkreis.

Noch nicht ausgepackt, machten wir uns wie immer auf den Weg, umrundeten den Piazza del Duomo und gingen die Via Etnea entlang. In einem der drei Andenkenläden am Tor Uzeda kaufte ich für 6 Euro zwei kleine kitschige Gipsfiguren: Mafioso und Mafiosa. Mit diesen in der Hand hatte ich am ersten Tag eine Begegnung mit zwei freundlichen Herren. Ich verstand nicht, warum sie meinen Personalausweis sehen wollten. Tano erfasste sofort die Lage. Der Geschäftsmann bekam eine Anzeige, weil er uns keine Quittung ausstellte. So lernte ich die Polizia di Finanza kennen, die zivilen Steuerfahnder.

Spät abends, als ich mich ins Bett warf, nahm ich erst die wundervolle Zimmerdecke wahr. Sie war geteilt in viele Kassetten, in denen Blütenornamente eingebracht waren. Erst jetzt sah ich, dass der Raum im freundlichen orangefarbenen und weißen Ton ausgemalt war. Plötzlich passte alles zusammen, die geschnörkelte Kommode, die Nachtkästchen, das Doppelbett, der Spiegel. Ich fühlte mich wie in Omas Wohnzimmer, sehr wohl.

Mit der Zeit nahm ich die Treppenstufen immer leichter und sportlicher. Warum die Stockwerke so hoch waren, erfuhren wir auch noch. Unser Hotel war vor hundert Jahren ein Kino gewesen.

Catania Pass

Mit dem Catania Pass, den es früher nicht gab, fühlten wir uns frei und mobil. Wir konnten damit Museen besuchen, die Busse kreuz und quer durch Catania benutzen und mit der vor drei Monaten eröffneten Metropolitana fahren.

Accitrezza war unser erstes Ziel. Am Busbahnhof (Via Cardinale Dusmet) fanden wir weder Fahrpläne noch Anschläge der Busnummern. Man musste fragen. Ein freundlicher Angestellter meinte, ich könnte seine handgeschriebenen Abfahrtzeiten abfotografieren.

Wir fanden einen Sitzplatz. Im Gang drängten sich dicht an dicht die Passagiere. Eine Vollbremsung, ein Ruck – alle Stehenden fielen aufeinander in eine Richtung. Ich hatte mein Gegenüber auf dem Schoß. Kurze Stille, alle standen wieder senkrecht und schimpften. Ei ei, auf deutsch bedeutet es au au, jammerte die Frau, die weich auf mir gelandet war.

Accitrezza

Beim ersten Blick auf die Isole de Ciclopi, die Zyklopeninseln, fühlte ich mich, als wäre ich auf einer tropischen Südseeinsel gelandet. Die griechische Mythologie kann dieses Naturwunder erklären. Der einäugige, riesengroße Zyklope auf dem Ätna, der von Polyphem geblendet wurde, schleuderte ihm mehrere Felsenbrocken nach, die jetzt im Meer liegen.

Ein romantischer Küstenweg am ionischen Meer führte uns zur Normannenburg in Acci Castello. Der in der Filmgeschichte bekannte Film von Visconti „ La terra trema – die Erde bebt“, ein Hauptwerk des Neorealismus, wurde dort mit der Bevölkerung gedreht.

Beim Warten an der Bushaltestelle zur Rückfahrt wurde es uns nicht langweilig. Wir kamen ins Gespräch mit einer jungen Studentin, die mit ihrem kleinen Bruder, der Mutter und Tante unterwegs war. Ihre Familie kommt aus Sri Lanka. Sie wurde aber in Catania geboren und ist Italienerin. In Catania gibt es eine größere Gemeinschaft der tamilischen Hindu-Flüchtlinge, die in den 70er Jahren vom dortigen Bürgerkrieg flohen.

Afrikanische Flüchtlinge fielen mir in der Stadt nicht gehäuft auf. Obwohl im Fernsehen von vielen gerade Neuankommenden berichtet wurde. Die Flüchtlinge werden im Auffanglager Cara di Mineo vor der Stadt, einer früheren amerikanischen Militärsiedlung aufgehalten. Auf der Via Europa, der Name könnte nicht passender sein, verkaufen Schwarzfarbige schon seit vielen Jahren Schmuck, Schallplatten und Kleidungsstücke vor den Gebäuden der großen Banken.

Hoch hinauf

Ganz neu war, dass man in der Kirche San Nicola auf die Empore und aufs Dach steigen konnte. 150 Stufen meinte der Aufseher, er hielt seine Hand an sein Herz und schaute mich alte Frau zweifelnd an. Ich machte mich auf das schlimmste gefasst. Aber schneller als gedacht konnten wir Catania von oben sehen. Ich, nicht ganz schwindelfrei, konzentrierte mich auf die verwitterten Terracottaziegeln mit ihrem wunderschönen Farbspiel von orange, rot, grau und grün.

Das Diözesanmuseum am Dom besuchten wir hauptsächlich, damit Tano von der Dachterrasse seine Heimatstadt und ich die Dachziegeln fotografieren konnte.

Bekanntschaften

Ich weiß nicht, liegt es nur an Tano oder ist es eine sizilianische Eigenschaft, dass man gleich ins Gespräch kommt. Im Garten diskutierte Tano sofort mit den Zuschauern, die an den Tischen Kartenspieler beobachteten.

Im Cafe schwärmte die Besitzerin von der deutschen Schwarzwälder Kirschtorte und überzeugte uns, dass der Cappuccino nur mit bitterem Kakao überstreut, gut ist.

An der Bar am Domplatz, dort wo wir unser Frühstück einnahmen, erfuhren wir von dem Kellner die Krankheitgeschichte seiner Frau und den Studiumsverlauf des Sohnes.

Ein Wartender vor der Kasse meinte, das wir froh sein sollen, dass wir eine funktionierende Polizei in Deutschland hätten. Ich weiß nicht, warum die Catanesen mich gleich als Deutsche identifizieren. Meine Haare sind genau so grau, wie die der italienischen Frauen. Vielleicht bin ich nicht so elegant gekleidet. Egal, auf jeden Fall verabschiedet man sich freundlich mit Handschlag voneinander.

Randazzo

Mit dem Cataniapass bekamen wir zwei Karten für die U-Bahn. Mit ihr konnten wir direkt zum Bahnhof Borgia kommen. Von dort aus fährt ein Bummelzug um den Ätna. Die Bahn rumpelte und schüttelte uns, bescherte uns aber einen himmlischen Blick auf den großartigen, schneebedeckten Ätna mit einer steil aufsteigender Rauchwolke. An die Eruption, einen Tag zuvor, dachten wir nicht. Sie hatte zehn Bergsteiger leicht verletzt und den Flugverkehr gestoppt. In Randazzo stiegen wir aus und schlenderten durch die geschichtsträchtige Stadt. Sie war schon von den Griechen und Römern bewohnt und von den Sarazenen (Araber), Normannen und Langobarden erobert worden.

Der italienische Mann und die neue Metropolitana

Vor drei Monaten war die Metropolitana erst eröffnet worden. Als Endziel war Nesima angegeben, der Stadtteil, wo einmal Nonna wohnte. Dort wollten wir in einer Bar die besten Paste di Mandorla der Stadt kaufen. Der Besitzer war ein alter Bekannter von Tano. Da unsere Fahrkarte den Eingang zur U-Bahn nicht öffnete, lies uns ein Bahnbeamter rein. Wir wunderten uns, dass in Borgo alle austiegen, und warteten vergebens auf die Weiterfahrt. Die Strecke war noch nicht fertig ausgebaut.

Zurück fahren konnten wir nicht, denn an der Sperre stand diesesmal niemand, der uns rein lassen konnte. Ein Bus sollte uns weiter bringen. Nach einer dreiviertel Stunde vergeblichen Wartens machten wir uns zu Fuß auf den Weg. Unsere Cataniacard fanden wir nicht mehr so toll. Da die Autos nicht nur auf der Straßenseite sonder auch auf den Gehsteigen parkten, blieb uns oft nur die befahrene Straße zum Gehen übrig. Bei uns wäre das nicht möglich, doch catanesische Autofahrer sind Kavaliere. Ich sollt gehen und nicht schauen, sagte Tano hundert mal zu mir. Sie würden mich nicht zusammenfahren.

Auf halber Strecke überholte uns dann der Bus.

Tano war verärgert, die U-Bahnkarte war nicht für die gekauften fünf Tage gültig, sondern nur für einen Tag. Im Touristenbüro schrie man sich gegenseitig an und man schickte uns zum Castell Ursino, wo wir sie gekauft hatten. Dort schrie man sich wieder gegenseitig an und wir wurden wieder zurück geschickt. Wieder Gebrülle und wildes Gestikulieren. Ich hielt Tano an.

Ich sei wahrscheinlich noch nicht lange verheiratet, ich würde den italienischen Mann nicht kennen, meinte eine Dame. Am Schluss bekamen wir die restlichen Karten, man fiel sich fast in die Arme und wir verabschiedeten uns wie alte Bekannte.

Einladungen

Höhepunkte in Catania waren die Einladung bei Kusine Elvira und drei Tage später bei der Nichte Marisa zum Essen im großen Familienkreis. Wir wurde fürstlich bekocht mit sizilianischen Köstlichkeiten: Pasta con Ricotta, Schwertfisch, gegrillten Artischocken, Arancini und Scacciata.

Zum Abschluss überraschten sie mich mit einer Geburtstagstorte. Da wurde mir bewusst, dass wir vor einem Jahr zur gleichen Zeit auch beieinander waren.

Ich hatte dabei ein schlechtes Gewissen, denn ein Treffen bei uns in Deutschland klappte schon lange nicht mehr.

Jedesmal wurde wir am Hotel mit dem Auto abgeholt. Es war nicht mal einfach eine Parklücke zum Einsteigen zu finden. Die 10 Kilometer von Catania hoch zum Ätna bis zur Stadt Misterbianco, während dem Berufsverkehr, dauert lange, und war abenteuerlich. Wer schnell reagiert und eine gute Hupe besitzt, hat hier die Vorfahrt. Man fährt Stoßstange an Stoßstange. Erst in der Nacht bei der Rückfahrt traute ich mich aus dem Fenster zu schauen.

Catania und die moderne Kunst

Escher Ausstellung im Palazzo della Cultura

Es war Zufall oder Glück. Wir waren die allerersten Besucher der Ausstellung. Es war ein Erlebnis. Die Bilder waren so gehängt, dass man im Rückblick meinte, in den ersten Holzstichen und den späteren Landschaftsbildern Eschers perspektivisch unmögliche Figuren zu sehen. Wenn uns die Füße nicht weh getan hätten, wären wir noch länger als die zweieinhalb Stunden geblieben. Sehenswert fand ich die Landschaftsbilder, die der Künstler bei seinem Besuch in Sizilien um 1930 zeichnete.

Ausstellung Andy Warhol

Tano und ich besuchten eine Andy Warhol Ausstellung im Castell Ursino, das 1239 für den Stauferkaiser Friedrich gebaut wurde, der nicht nur schwäbisch sondern auch arabisch und italienisch sprach. Eine großartige Idee, in einer mittelalterlichen Burg moderne Kunst zu zeigen.

Sehr interessant war, dass wir mit den jungen Leuten, den Betreuern der Ausstellung, sprechen konnten, sogar auf deutsch. Auf mein Bitten bekam ich ein Ausstellungsplakat, das jetzt in unserem Haus hängt.

Das alte Catania

Ich fühlte mich auf dem Fischmarkt als würde ich einen alten Film sehen, der Ton ist leiser geworden aber die Bilder sind beeindruckend geblieben. Das Gewirr von Fischern, Händlern, Touristen und den Ständen, Körben, und Wannen verwischte sich fast zu einem schwarz-weiß-grauen Film, wären da nicht die jungen Petersilienverkäufer mit ihren grünen Sträußen gewesen.

Ein paar Schritte weiter findet man unter den Brücken der Eisenbahn nach altem Brauch die Kartenspieler, umkreist von schweigenden Zuschauern. Diesmal wieder das gleiche Bild, nur die Tische waren in die Sonne gerückt und die spielenden und beobachtenden Rentner haben sich vervielfältigt. Ich stelle mir vor, dass sie Mittag heim gehen werden und das Essen fertig auf dem Tisch steht.

Tano jammerte, die neuen Rentner würden nicht mehr die alten Kartenspiele, die er kannte, spielen.

An der Bar erzählt uns ein alter Mann, dass er sein ganzes Leben auf dem Markt Zitronen und Petersilie verkauft hat. Wie hoch seine Rente jetzt ist, darüber sprach er nicht.