Der Kindergarten

Ich habe dreißig Jahre im Rottach-Egerner Kindergarten gearbeitet. Heute, mit zweiundachtzig, liegt diese Zeit hinter mir, wie ein Weg. 

Als vor einiger Zeit unsere frühere Kindergartenköchin starb, begann ich mich wieder zu erinnern. Nicht an alles, an Bilder, an Gerüche, an Stimmen, die manchmal noch da sind. 

Ich kam im Winter mit einem schweren Koffer. Über dem Kindergarten, im ersten Stock, bekam ich ein kleines Zimmer. Der Schnee lag hoch, die Treppe war kalt. Kaum war ich angekommen, zog neben mir eine Kollegin ein. Wir sahen uns an, erkannten uns und fielen uns in die Arme: 
Cäcilia, eine Freundin aus der Internatszeit, mit der ich in einer Klasse gewesen war. Dass wir uns ausgerechnet hier wiederfanden, erschien mir wie ein Geschenk. Ich wusste: Ich würde bleiben. 

Meine Vorgesetzten waren Pfarrer. Jeder von ihnen brachte eine andere Art mit. Einer war warm und volksnah, einer still und zurückhaltend, der letzte unruhig und voller Energie. 
Mit dem ersten war der Kindergarten noch stark mit dem Dorf verbunden. Der Bürgermeister kam zu Festen, Eltern halfen selbstverständlich mit, eine Mutter sprang ein, ein Vater nagelte ein Regal. Drei Gruppen wurden es, später fünf. Der Lärm nahm zu, die Räume schienen kleiner zu werden. 

Kinder bei der Gartenarbeit im Kindergarten – mit Erde, Schaufeln und viel Eifer.
Kinder beim „Gartln“ im Kindergarten – mit Erde, Schaufeln und viel Eifer.
Kindergartenkinder verzieren ein Lebkuchenhaus.
Kinder beim Verzieren eines Lebkuchenhauses – mit Mandeln und bunten Süßigkeiten.

Viele Namen habe ich vergessen, zuerst die der Kinder, dann die der Eltern, schließlich auch die mancher Kolleginnen. Manche Menschen waren nur kurz da, andere sind mir bis heute nahe. Ich denke an die Österreicherin, die jeden Tag kam, egal wie tief der Schnee lag, manchmal über die Berge. Mehr weiß ich nicht mehr von ihr, nur diese Beharrlichkeit. 

Eine junge Erzieherin, Tochter von Kriegsvertriebenen, tat sich schwer mit unserer Art. Obwohl sie hier aufgewachsen war, blieb eine Distanz. Ähnlich war es bei einer Kollegin aus der DDR. Ihre Hände arbeiteten sorgfältig, beinahe streng. Sie zeigte den Kindern, wie man Pinsel auswäscht und sauber abstreift. Sie sah meinen Maltisch voller Farbspritzer an und wunderte sich. Ich wunderte mich über sie. 

Es gab Kolleginnen, die viel Raum einnahmen. Eine von ihnen, kaum jünger als ich, war sehr bestimmend. Jahre später traf ich ihre damalige Praktikantin zufällig. Sie erzählte, wie sie sich oft allein gelassen gefühlt hatte. Ich hörte nur, dass sie kurz vor der Abholzeit auf der Gitarre spielte, laut und mitreißend. Die Kinder stürmten hinaus, die Eltern waren begeistert. Manchmal ließ sie die Kinder sich kurz vorher im Keller austoben. 

Unsere Leiterin trug etwas Schweres in sich. Sie suchte Anerkennung, erzählte manches mehrfach, jedes Mal ein wenig anders. In der Mittagspause saß sie oft bei uns. Wir merkten ihre Unsicherheit – und halfen ihr zu selten. Über ihre Kindheit sprach sie kaum. Nur dass sie an der Grenze in Holland geboren wurde und später nach Venezuela kam: Caracas, Häuser ohne Fenster. Bei Ausflügen über die Grenze hielt sie ihren Pass fest. 

Maria arbeitete lange mit mir in der Gruppe, verlässlich und unbeirrbar. Ich war für sie nicht immer einfach. Ich ließ die Kinder frei arbeiten, mit Holz, Ton, Farbe und Kleber. Das Aufräumen blieb oft an ihr hängen. Sie hatte zwei Kinder, ich vier. Ihre schienen nie krank zu sein, meine schon. 

Einmal nahmen wir alle an einem Kurs für Orff-Instrumente teil. Ohne unsere musikalische Vevi hätten wir uns blamiert. Wir mochten sie alle. Die Eltern auch. Ihre Stimme war ruhig, ihre Gruppe stiller als die anderen. Sie hielt sich fern von allem, was verletzen konnte. 

Liese blieb nur kurz. Ich mochte sie sehr. Noch bei unserem letzten Christkindlmarkt besuchte sie uns mit heißem Tee und Gebäck. Lange war sie nicht bei uns im Kindergarten. Sie arbeitete dann im Deutschen Museum in München. Der Kindergarten war ihr zu klein geworden. 

Mein Abschied fiel mir schwer. Eine neue Leiterin sah in mir eine Rivalin. Sie legte meine Gehaltsabrechnung offen ins Büro, verbot mir den Computer. Sie ließ mich spüren, dass sie mich nicht an ihrer Seite haben wollte. Mit dem frisch aus dem Studium kommenden Pastoralassistent erreichte sie das Ziel. Jetzt muss ich lächeln über die passenden Namen: Fußeder und Faller. 

Rottacher Pfarrherren, meine Chefs

Den Kindergarten ließ Pfarrer Kronast 1957 erbauen und 1971 durch einen Neubau erweitern. Er war mein erster Chef.

In den unteren Räumen befand sich der Kindergarten, im ersten Stock wohnten die Krankenschwestern des 3. Ordens. Sie erzählten, dass eine von ihnen die erste Kindergärtnerin im Haus gewesen war. Gleich neben den Schwestern bekamen meine Kollegin und ich ein Zimmer.

Krankenschwestern des 3. Ordens

Abends saßen Cäcilia und ich oft bei ihnen im Wohnzimmer, schauten fern und aßen Plätzchen. Es fühlte sich an wie ein Abend in der Familie. Wenn wir begeistert von unserem Chef erzählten und davon, wie nett er zu uns war, schmunzelten sie nur.

Mit diesem ersten Pfarrer erlebte ich eine sehr gute Zeit. Er traute meinen Mann und mich und taufte unsere vier Kinder.

Vor meiner Hochzeit wollte er von meinem Mann die Adresse seines Heimatpfarrers wissen und sich über ihn erkundigen. Als er erfuhr, dass Catania über 300.000 Einwohner und 90 Kirchen hatte, gab er das Vorhaben gleich wieder auf.

Pinas Taufe war sehr persönlich gestaltet. Nach den Worten „Ich taufe dich“ stoppte er kurz und sagte: „Hosst an Blitz?“ Dann wartete er einen Moment und sprach weiter: „… und im Namen des Herrn.“ Er hatte gesehen, dass mein Fotoapparat noch nicht startbereit war.

Bei einem Betriebsausflug verlor er im Bus seine Kontaktlinse. Ich fand sie. Am nächsten Tag stand er zum Dank mit einer Flasche Wein vor dem Kindergartentor und rief, den Kinderlärm übertönend: „Miiilaaazin!“ Nur er konnte meinen Namen Milazzo so schön auf Bairisch aussprechen.

Zum Fronleichnamsfest legte ich gemeinsam mit Cäcilia und einer Krankenschwester einen Blumenteppich. Er war wunderschön geworden. Als der Pfarrer darüber ging, besser gesagt darüber schlurfte, glich er danach einem Abfallhaufen. Einen zweiten Blumenteppich machten wir nie mehr.

Pfarrer Oster, wer war das eigentlich? Ich habe es vergessen. Auch wie lange er da war. Ich erinnere mich nur noch daran, wie wir vom Kindergarten und viele Rottacher Bürger vor dem Pfarrhof standen und lautstark riefen: „Wir wollen Pfarrer Oster!“, während im alten Pfarrhof eine große Besprechung mit Leuten aus dem Ordinariat aus München stattfand.

Mit dem darauffolgenden Pfarrer Alfons Siegl hatten wir Glück. Er war ein sehr besonnener, ruhiger Mann. Seine Mutter führte seinen Haushalt. Wir glaubten, er könne gar nicht schimpfen. Als er zu uns kam, hatten wir bereits einen Anbau und vier oder fünf Gruppen. Dadurch wurde das Miteinander im Team komplizierter, und er sorgte sich, wenn es nicht ganz so friedlich lief.

Pfarrer Alfons Siegl

Er engagierte gegen Bezahlung einen Mediator, der nach dem ersten Zusammensitzen gleich aufgab und den Auftrag ablehnte. Nachdem auch der zweite aufgab, gab schließlich auch der Pfarrer auf.

Was ich ihm nie vergessen werde: In Landshut besuchte er eine evangelische Kirche, es war ja nicht der nächste Weg, in der meine aus Steinzeug geformten 13 Kreuzwegstationen während der Fastenzeit aufgestellt waren. Sie gefielen ihm sehr und ich freute mich.

Mit dem neuen Pfarrer und dem frisch ausgebildeten Pastoralassistenten ging meine Zeit im Kindergarten zu Ende. Ihre Namen, Grobmaier und Faller, möchte ich gerne vergessen.

Ich habe lange gearbeitet und viele Menschen kommen und gehen sehen.

Es war einmal – Vom Keller zum Christkindlmarkt

Im November verbrachte ich früher die meiste Zeit im Keller, dort, wo unsere Töpferwerkzeuge liegen und der Brennofen steht. Dieses Jahr bleibt alles still: Kein Ton wird geformt, keine Glasur angerührt, der Ofen bleibt kalt. Nach einem kurzen Krankenhausaufenthalt hat mein lieber Mann Tano uns vom Tegernseer Christkindlmarkt abgemeldet. Es ist richtig so – auch wenn ein bisschen Wehmut bleibt.

Trotzdem werde ich oft im Keller sein, zum Aufräumen, Sortieren und Erinnern.
Ich denke gern zurück: an den ersten Tegernseer Christkindlmarkt in der Rosenstraße, initiiert vom Bürgermeister Luschner, der uns damals herzlich unterstützte. Unsere kleine Hütte war offen, der Wind eisig, und während ich fror, strickte unsere Nachbarin fleißig Socken und verkaufte sie gleich dazu.

Mit den Jahren zog der Markt in den Kurgarten und schließlich an den schönsten Platz: unten im Tal, gegenüber der Pfarrkirche und dem Bräustüberl, mit See und Bergen im Rücken. Die ersten Besucher waren die Enten – neugierig oder protestierend? Bald kamen die Menschen, in Wellen, zwischen Bus- und Zugzeiten.

Am schönsten war für uns, dass aus manchen Besuchern Freunde wurden, die jedes Jahr kamen und ihre Krippen mit unseren Figuren ergänzten. Große Hilfe erhielten wir immer von Herrn Hans Staudacher, dem Geschäftsleiter der Stadt, der sich nie zu schade war, selbst in die kleinste Ecke zu kriechen, um den Stromkontakt zu richten.
Es war anstrengend und doch wunderschön.

Vielleicht verirrt sich ja einmal ein ehemaliger Christkindlmarktbesucher zu uns nach Hause. Im Keller gäbe es bestimmt noch einen kleinen Vogel für den Frühlingsgarten.

Unsere Vögel im Kellerregal

Rückblick auf die Tegernseer Kunstausstellung 2025

Wie oft ich bereits an den jährlichen Kunstausstellungen in Tegernsee teilgenommen habe, müsste ich erst nachzählen. Und wie oft ich noch dabei sein werde? Wer weiß.
Letztes Jahr war ich enttäuscht – meine Arbeit „Säulenheiliger“, ein Asket, der zur Buße auf einer Säule lebt, wurde kaum verstanden.

Vielleicht sind meine diesjährigen Werke zugänglicher. Zum Beispiel das alte Ehepaar beim Zeitunglesen oder „Christophorus“, der diesmal keinen kleinen Jungen, sondern einen alten Mann auf den Schultern trägt. Sehr persönlich ist auch mein Beitrag „Die alte Kiste“ – darin liegt mein Töpferwerkzeug, sorgfältig verstaut. Werkzeug, das ich bald nicht mehr brauchen werde. Eine leise Auseinandersetzung mit dem Abschied vom aktiven Schaffen.

Alte Kiste aus Steinzeug - ein Kiste gefüllt mit Töpferwerkzeug
Alte Kiste (Steinzeug)

Die Vernissage – ein besonderer Moment

Ein Höhepunkt der diesjährigen Ausstellung war für mich die Vernissage. Besonders schön war, dass mein Enkel zum ersten Mal dabei sein konnte – dank seiner Semesterferien. Während der Ansprache, ich hatte gerade noch einen Sitzplatz ergattert, saß er ganz entspannt auf dem Boden neben mir. Das war für mich ein liebevoller, fast symbolischer Moment der Verbundenheit zwischen den Generationen.

Presse und Öffentlichkeit

In der Tegernseer Zeitung schrieb Reinhold Schmid im „Seegeist“ eine erfreulich ausgewogene und wohlwollende Kritik. Als Künstlerkollege fand er für jeden von uns lobende Worte. Er erwähnte alle Künstlerinnen und Künstler namentlich und beschrieb unsere Techniken – von Öl, Acryl und Aquarell bis hin zu Gouache, Papierkunst, Aktionskunst und Fotografie. Bei der Aufzählung der dreidimensionalen Werke wurde auch mein Name genannt – eine schöne Anerkennung.

Auch online fand ich Erwähnung: Frau Ziegler von der KulturVision schrieb über meine Arbeit „Die alte Kiste“ und meinte, sie „erheitere“ die Ausstellung. Dieses Wort gefiel mir sehr. Denn genau das wollte ich – mit einem leisen Schmunzeln auf das Thema Alter und Abschied hinweisen. Ob es mir gelungen ist, mit der Kiste und dem geordneten Werkzeug den „Abschiedsschmerz“ behutsam anzudeuten, weiß ich nicht – aber es war mein Versuch.

Kunst mit persönlichen Bezügen

Meine Christophorus-Figur verändert die bekannte Legende: Der Heilige trägt keinen Jungen, sondern einen alten Mann. Damit möchte ich auf die wachsende Verantwortung unserer Zeit aufmerksam machen – die Sorge um ältere Menschen, eine Aufgabe, die längst nicht mehr nur Angehörige betrifft.

Christophorus aus Steinzeug - Der Heilige trägt statt einem Jungen einen alten Mann
Christophorus (Steinzeug)

Das Werk mit den Zeitung lesenden Alten entstand nach einem Schnappschuss unseres Sohnes. Es zeigt: Auch im Alter bleibt das Interesse am Leben – am Geschehen in der Welt und im eigenen Ort – lebendig.

Zeitungsleser aus Steinzeug - Ein altes Ehepaar beim Zeitungslesen, davor zwei Kaffeetassen
Zeitungsleser (Steinzeug)

Weihnachten 2024

Wie jedes Jahr waren die Gespräche mit den Besuchern auf dem Christkindlmarkt in Tegernsee schön. Besonders freute ich mich über den Besuch zweier ehemaliger Internatsfreundinnen und zweier Krippenliebhaber, die extra aus München angereist waren.

Dieses Jahr war ich besonders stolz auf meine beiden neuen Keramik-Krippen. Ich präsentierte zwei außergewöhnliche Darstellungen: einmal den Zug der Könige mit Kamelen und einmal eine Version mit Elefanten, beide auf dem Weg zur Krippe. Doch gerade diese besonderen Werke blieben leider oft unbeachtet. Die Besuchergruppen, die sogar aus Nürnberg mit dem Bus anreisten, hatten einfach keine Zeit, um alle drei Märkte mit dem Schiff zu besuchen und gleichzeitig die Stände in Ruhe zu entdecken.

Zu Hause verbrachten wir die meiste Zeit mit unseren Liebsten rund um unseren großen Tisch. Mein Mann Tano sorgte unermüdlich dafür, dass die Platten mit köstlichen, vor allem sizilianischen Spezialitäten immer wieder aufgefüllt wurden. Keine Fernsehnachrichten störten unsere gemütliche Runde.

Es mag altmodisch erscheinen, aber immer wieder erklangen traditionelle Weihnachtslieder, und es war unser jüngstes Familienmitglied, der Enkel, der mit seiner Flöte den Takt angab und uns alle in eine festliche Stimmung versetzte.

Die Mühe mit dem Waschen der Bettwäsche habe ich längst vergessen, aber ich hoffe, sie noch oft aus dem Schrank holen und nutzen zu können.

Weihnachtlicher Schlossmarkt in Tegernsee 2024

Nach einem Jahr Pause – mein Mann Tano bekam eine neue Hüftprothese – sind wir dieses Jahr wieder mit unseren Keramikarbeiten auf dem Tegernseer Weihnachtsmarkt vertreten. Nun, die Jüngsten sind wir beide nicht mehr: Laut Wikipedia gehöre ich zu den „Älteren“ und Tano, mein Mann, zählt sogar zu den „Hochbetagten“.

Trotzdem sind in unserer Werkstatt wieder viele neue Figuren entstanden. Frisch glasiert haben wir sie aus dem Brennofen geholt – die Ideen gehen uns so schnell nicht aus! Einige neue Krippenfiguren und Krippenställe sind in diesem Jahr hinzugekommen, denn für viele Familien gehören sie einfach zur Weihnachtszeit dazu. Unsere Lichterhäuser erstrahlen ebenfalls in neuem Glanz, und in diesem Jahr leuchten Teelichter in stilisierten Tannen und Öfen.

Natürlich haben wir auch unsere beliebten Gartenvögel im Gepäck. Sie kommen immer gut an, weil wir sie leicht stilisiert, aber dennoch naturnah modellieren und glasieren. Dank des Hochbrands bei 1250 Grad sind sie außerdem frostsicher.

Wir freuen uns darauf, viele bekannte Gesichter und neue Gäste an unserem Weihnachtsstand zu begrüßen. Falls ich mich schwer tue, Ihr Gesicht gleich zu erkennen, und mein Mann mir nicht sofort Ihren Namen zuflüstert, helfen Sie mir bitte auf die Sprünge!

Urban Sketchers Deutschlandtreffen 2024 in Leipzig

Meine liebe Schwester Luisa lebt in Leipzig. Als ich erfuhr, dass das Urban Sketchers Deutschlandtreffen 2024 dieses Jahr dort stattfinden würde, war für mich sofort klar, dass ich dabei sein musste.

Die Reise begann jedoch holprig. In der Münchner Innenstadt herrschte ein großer Polizeieinsatz, U-Bahn und Tram waren unterbrochen, und mein gebuchter Zug fuhr ohne mich ab. Frustriert buchte ich einen neuen ICE. Einige Stunden später atmete ich erleichtert auf, als sich der Zug schließlich in Richtung Leipzig in Bewegung setzte.

Eine erste Skizze im Zug nach Leipzig

In Leipzig angekommen, wurde ich von Luisa und ihrem Mann Robert herzlich am Bahnhof empfangen. Die kommenden Tage waren wunderschön: hochsommerliches Wetter mit lauen Abenden. „Fast wie in Italien“, meinte meine Schwester.

Rund 900 Urban Sketcher aus ganz Deutschland und sogar aus dem benachbarten Ausland waren angereist, um gemeinsam zu zeichnen und sich auszutauschen. Überall, wohin man schaute, saßen Menschen mit Skizzenbüchern und fingen auf ihre eigene Weise die besondere Atmosphäre der Stadt ein. Ich erlebte viele schöne Begegnungen und entdeckte tolle Motive. Dabei kam ich nicht nur mit anderen Sketchern ins Gespräch, sondern auch mit Einheimischen und Touristen.

Die ehemalige Leipziger Baumwollspinnerei ist mit ihren Backsteingebäuden aus dem späten 19. Jahrhundert einen Besuch wert.
Der Hauptbahnhof in Leipzig beeindruckt mit seiner Architektur. Spannend die historische Eisenbahn auf Gleis 24.
Der SketchWalk von Laura Milde führt mich in den Clara-Zetkin-Park zur Galopprennbahn Scheibenholz. Interessant waren auch die dortigen Spielplätze mit ihren Spielgeräten in Form von Tieren.

Am Ende des Treffens fand eine sehr gelungene Ausstellung im Museum der bildenden Künste statt, bei der alle Sketcher ihre Zeichnungen präsentieren konnten. Die Vielfalt der Werke hat mich sehr beeindruckt und ich war fasziniert, wie unterschiedlich jeder die gleichen Motive interpretiert hatte.

Pina bei der Ausstellung im Museum

Mit meinem Skizzenbuch voller neuer Eindrücke und inspiriert von den Menschen und Orten, trat ich schließlich die Heimreise an.

Venedig 2024

Das Abenteuer beginnt. Ich sitze im Nachtzug nach Venedig und fühle mich jung – die Frage, die mich kürzlich an meinem Geburtstag beschäftigte, „bin ich 70 oder 80“, kommt nicht auf. Ich fühle mich einfach gut. Unsere Tochter Pina hat dise Reise nicht nur geplant und organisiert, sondern begleitet auch uns beiden Alten, Tano und mich, auf unserem vierten Besuch der Biennale!

Im Hotel, einem a&o Hostel in Mestre, eher einer Jugendherberge, wurde Tano an der Rezeption als ehemaliger Gast erkannt. Nach dem Einchecken und dem noch immer spürbaren Ruckeln des Zuges in den Ohren fuhren wir mit dem Bus nach Venedig. Eingezwängt, schwankend, rumpelnd – wie schon in den vergangenen Jahren – erreichten wir Venedig in nur einer halben Stunde. Besonders gefiel mir, dass Tano auch bei den kommenden Fahrten sofort höflich einen Sitzplatz angeboten bekam, was für uns nicht selbstverständlich ist. Sogar in den Schiffen waren Plätze speziell für Über-80-Jährige ausgewiesen, zum ersten Mal auch für mich, da ich gerade 80 geworden bin.

Am Tag unserer Ankunft besuchten wir das Peggy Guggenheim Museum mit Werken von Künstlern, die mich schon in meiner Jugend begeisterten. Viele Künstlernamen und Gemälde waren mir vertraut. Der Bronzelöwe von Mirko (Basaldella) im Garten war mir früher nicht aufgefallen; Peggy Guggenheim kaufte ihn auf der Biennale 1954, wie ich im Internet las. Auf meinen Wunsch hin ließ sich Tano für ein Foto auf dem Steinthron nieder.

Für die nächsten zwei Tage stand die Biennale auf dem Programm. Das Thema der Ausstellung lautete „Foreigners Everywhere – Stranieri Ovunque“. Ich zitiere hier Adriano Pedrosa, der das Thema der Biennale erklärt: „Künstler sind immer gereist und haben Städte, Länder und Kontinente durchquert. Im Mittelpunkt der Biennale Arte 2024 stehen daher Künstler, die selbst Ausländer, Immigranten, Expatriates, Diasporiker, Emigranten, Exilanten oder Flüchtlinge sind.“

Giardini:

Arsenale:

Was ich alles gesehen habe, muss ich noch verarbeiten und nachlesen. Manches werde ich nicht herausfinden und leider auch vergessen, wie so manches von unseren früheren Besuchen der Biennale.

Einen Tag, den letzten, hatten wir zur freien Verfügung. Wir besuchten die Ausstellungen der Amerikanerin Julie Mehretu im Palazzo Grassi und die Schau von Pierre Huyghe in Punta della Dogana.

Julie Mehretu, so alt wie Pina, wurde in Addis Abeba, Äthiopien, geboren und floh mit ihren Eltern im Alter von 7 Jahren nach Michigan. Seit 1999 lebt und arbeitet Julie Mehretu in New York, wo sie ihr Atelier mit ihrer Partnerin Jessica Rankin teilt. Ihre wandgroßen Bilder sehen wie riesige Landkarten aus, zusammengewürfelt mit Straßenkarten, Flug-, Zug- und Schiffsplänen, Wetterkarten und Telefonnummern – so groß, dass sie wahrscheinlich eine ganze Mannschaft von Helfern benötigt. Nicht leicht wird es für die Künstlerin sein, ihre großen Bilder auszustellen, wie im wunderschönen Palazzo Grassi mit seinen vielen Räumen.

Auch Pierre Huyghe benötigt große Flächen für seine Ausstellung. Ich las, dass Pierre Huyghe einer der bekanntesten Künstler Frankreichs ist. Im Jahr 2001 erhielt er den Spezialpreis der Jury für den Französischen Pavillon auf der Biennale in Venedig. Nun bespielt er in Venedig die Punta della Dogana. Anfangs fühlte ich mich in der Dunkelheit der Räume unsicher, besonders mit den Kreaturen zwischen Mensch, Tier und Maschine. Ich versuche immer noch zu verstehen, was er aussagen will. Vielleicht komme ich noch darauf.

Für das Essen blieb uns am wenigsten Zeit. Wir frühstückten an einem Stand am Supermarkt bei recht zuvorkommenden jungen Männern chinesischer Herkunft. Abends besorgte Tano uns italienische Spezialitäten, die wir draußen vor unserem Hostel genossen. Geplante Spaziergänge ließen wir, todmüde, ausfallen. Nur einmal beendeten wir den Tag mit einer Tüte Eis von der Eisdiele.

Jetzt wieder zu Hause, habe ich zeitlang nach Pina, finde ich mich nach einem Tag immer noch nicht richtig zurecht. Mein erster Weg führte mich durch meinen Garten und mein zweiter hinunter in den Keller. Ich holte einen Hubel Ton, der steinhart in Folie eingetrocknet war. Nach einem Schuss Wasser in den Beutel stellte ich ihn in die Regentonne und hoffe nun, dass der Ton wieder formbar wird. Ideen, noch nicht ganz ausgereift, habe ich bereits.

Offene Ateliertage 2024

Mein Wunsch, unsere Besucher durch unser Haus zu führen und ihnen unsere Werke wie in einem Atelier oder einer Galerie zu präsentieren, stößt an seine Grenzen. Die Zimmer sind voll mit Bildern, Alben, Ordnern, Rahmen, Podesten, Tonhubeln, Erden für Glasuren und anderen Kunstmaterialien – sowohl wichtig als auch unwichtig. Allein unser Brennofen benötigt einen eigenen Raum. Diese Enge brachte uns dazu, unsere wetterfesten Keramikplastiken im Garten aufzustellen und die Mosaikkugeln und -säulen meines Mannes unter dem Vordach am Eingang anzuordnen.

Der Garten lädt die Besucher dazu ein, bei einem Kunstspaziergang unsere Werke zu entdecken, die dort verstreut sind und ihre eigenen Geschichten erzählen. Einige Werke sind bereits fest mit der Natur verwurzelt oder scheinen dabei zu sein, eins mit ihr zu werden. Ein Besucher deutete an, eine Erinnerung an die Vergänglichkeit und Unvergänglichkeit der Kunst in ihnen zu erkennen.

Auch wenn einige Werke fest mit dem Gartenboden verwachsen und schwer umsetzbar sind, finden wir immer noch neue Plätze für Sie. Unsere ungepflegten Bäume bieten immer wieder neue Nischen für die Vogelskulpturen, die Tano mit fast 85 Jahren mit Hingabe bearbeitet.

Lassen Sie mich einige dieser Werke genauer vorstellen:

Sitzende junge Frau (1995): Diese Skulptur feiert ihr 30-jähriges Jubiläum und ist ein Tribut an meine älteste Tochter Pina, die damals oft in dieser charakteristischen Sitzhaltung verweilte.

Unkraut jäten (1996): Ursprünglich als „Froschmann“ bekannt, hat diese Figur über die Jahre ihren Platz zwischen den Himbeerstauden eingenommen, inzwischen mit abgebrochenen Händen. Eine Pflanze wächst zwischen der Bruchstelle. Sie scheint mit der Natur zu verschmelzen.

Plakatieren verboten (1997): Diese Arbeit ist eine Hommage an unsere Kreisstadt Miesbach und erinnert an Ausstellungen im Miesbacher Waizingerkeller, wo ich meine Kunst unter der Leitung von Frau Krobisch präsentieren durfte.

Mann auf gestreiftem Sessel (1998): Inspiriert von einem Artikel in der „Zeit“ über einen bekannten DDR-Reporter, der vor Gerichtsprozessen saß und seine Umgebung beobachtete.

Heiliger Florian (2002): Die Erschaffung dieser Figur fiel in die Zeit unmittelbar nach den tragischen Ereignissen des 11. September 2001 und ist eine Hommage an den Schutzpatron der Feuerwehr, in Erinnerung an die Worte meiner Mutter: „Heiliger St. Florian, verschone mein Haus, zünd andere an.“

Unterm Baum liegend (2003): Diese junge Frauenfigur, versunken in ihr Buch, scheint mit der Erde verwurzelt zu sein und wird von den umliegenden Pflanzen im Dunkel der Stäucher behütet und umsorgt.

Im Lichtschein (2003): Trotz der Härte einer Holzbank findet diese Frauenfigur Ruhe und Geborgenheit im Schatten eines Baumes.

Die Behüteten (2004): Die Abwesenheit von Gesichtern in dieser Darstellung erlaubt es dem Betrachter, seine eigenen Interpretationen und Geschichten zu finden.

Rumpelstilzchen (2006): Eine humorvolle Interpretation des Märchencharakters, der in seinem Geheimnis verweilt.

Tanz der Teufel 2 (2020): Eine lebhafte und verspielte Darstellung von Teufeln, die scheinbar unschuldige Scherze treiben.