Der Neue

Wir waren traurig als unser Brennofen nach 30 Jahren kaputt ging. Beenden wir unsere künstlerisch Arbeit mit Ton? Tano entschied und bestellte einen „Neuen“. Nach unendlich langen drei Wartemonaten stand er verpackt in einem Riesenpaket vor unserer Garage.

Wie kommt er in den Keller? Alle angerufenen Umzugsfirmen sagten ab oder gaben keine Antwort. „Starke Buben“ fanden wir in einem Reklameblatt. Sie waren nett und stark.

Während ich noch die Betriebsanleitung studierte, schaltete Ricardo schon den Controller zum Einbrennbrand ein. Der erste mit Keramiken gefüllte Hochbrand stieg so flott hoch wie unser alter Ofen. Doch der Temperaturabstieg zog sich, dehnte die Minuten und sprengte meinen Nerven.

Tonas Gedanken zum neuen Ofen

30 Jahre hat der alte Brennofen uns gedient. Wir freuten uns über gelungene Werke und waren enttäuscht, wenn eine selbsterfundene Glasur nicht schmolz oder ablief. Wir waren stolz, wenn eine Plastik einen Liebhaber fand und freuen uns immer noch über Mosaikkugeln in einem fremden Garten und Kreuzwegstationen in einem Exerzitienhaus.

Nun, der neue Brennofen ist sichtbar ein Fehlkauf. Noch einmal 30 Jahre übersteigt er unsere Lebenserwartung um Jahrzehnte, aber was solls …

Tanos Mosaiksäule ist fertig

Tanos Säule stand schon lange, mindesten 3 Jahre, hinter unserem Haus. Er hat sie vor Jahren betoniert, um sie einmal mit seinen selbstgemachten Mosaiksteinen zu ummanteln.
Sein Traum war, dass sie zu seinem 80. Geburtstag fertig sein soll. Der Wunsch erfüllte sich jetzt – nur leicht verspätet, zwei Jahre danach.

Heuer musste er warten bis das Wetter es zuließ, draußen zu arbeiten. Es war der 31. Mai als er damit begann und am 4. Juli zu Riccardos Geburtstag war sie fertig. Den endgültigen Standpunkt im Garten müssen wir noch suchen.

Das zweite Coronajahr

Das zweite Coronajahr begann ruhig. Keine Ausstellung, kein Markt drängte mich zum Arbeiten. Sogar das Aufräumen und Putzen war nicht mehr wichtig, wir erwarteten keine Besucher.

Ohne Unterbrechung konnte ich Daniel Specks „Jaffa Road“ lesen und die 153 Seiten von Philippe Sands „die Rattenlinie“ verfolgen.

Trotz aller persönlichen Ruhe war die Zeit überdreht und verrückt: Trump jagte nach den verlorenen Stimmen, die Regierung nach Impfstoff, die Nachrichtensprecher nach neuen Wörtern. Es gab plötzlich Impfdrängler, Covidioten, Maskenmuffel, AstraZeneca Verweigerer und ..

Es schien und scheint, dass sich die Zeit des Surrealismus jetzt nach hundert Jahren wiederholt. Der Surrealist Rene Magrit war für mich jetzt Ideengeber.

So wie Picasso mir in meiner Jugendzeit verrückt vorkam, so entdecke ich ihn jetzt als weit und scharfsichtig. Sein Wandbild Guernika berührt mich, wie auch seine Frau mit Hahn von 1938. Der gefesselte Hahn wurde für mich eine Metapher für Leben und Tot.

aus dem Wandbild „Guernika“ von Picasso

Picassos Hahn

In seinem Bild „der Traum“ von 1932 sah ich den erotischen Inhalt überhaupt nicht, ich machte daraus eine „schlafende Leserin“. Statt der Kette, die den Hals umspielt, modellierte ich eine Lesebrille.

schlafende Leserin

Die Zeichnungen von M.C. Escher, die ich vor meiner Chemo in einer Ausstellung in Tanos Heimatstadt Catania sah und damals psychedelisch deutete, überraschen mich jetzt nicht mehr. Dem femininen Baum setzte ich einen maskulin scheinenden Baum gegenüber.

Den übermütigen Ikarus bemalte ich mit Silikatkreiden und stellte ihn draußen auf. Ich hoffe, dass sich die Farben im Regen vermischen und die Figur einmal einem Ausgrabungsfund ähnelt.

Ikarus

Ich sehe jetzt, dass all meine neuen Arbeiten an alte Künstler und Werke anknüpfen. Als vor kurzer Zeit die fulminanten Hüte der erlauchten Damen auf dem Balkon des Buckingham Palastes durch die Presse gingen, dachte ich an Karl Hubbuchs Damen „in einer Modeschau“ (neue Sachlichkeit).

Beim Modellieren der Teufelchen dachte ich mir nicht viel. Sie sollten frei und lustig sein. Als ein Besucher die Augen leicht verdrehte, die Nase hochzog, suchte ich „Teufelchen“ im Internet. Bei Google gibt es dazu 2.400.000 Ergebnisse. Deutschland hat 83.000.000 Einwohner.

Im Jahr von Corona

„Den banalen Alltag ins Kunstwerk gebrannt“, so umschrieb vor längerer Zeit eine Journalistin meine Werke. Ich setze den Alltag in Plastiken um, die den Menschen in verschiedenen Lebensabschnitten darstellen und dabei menschliche Schwächen und Größen sichtbar machen.

Daran hat sich bis jetzt fast nichts geändert. Dieses Jahr mit Corona drängten sich die Themen direkt auf. Beim Modellieren und besonders beim langwierigen Glätten der Oberfläche habe ich Zeit, Zeit meine Gedanken hin und her zu wälzen.

Angefangen hatte mein keramisches Jahr schon gedanklich während unserem Aufenthalt in Kreta. Europa und Zeus sollten mein nächstes Thema sein. Nach den Berichten über das neue Virus modellierte ich Zeus nicht als Stier, sondern als Ziege und von Europa blieben nur zwei, sich ankrallende Hände über.

Ein Männergesangsverein probt weiter, ein Ehepaar besucht eine Veranstaltung, ein Zauberer sucht in seinem Buch, man rettet sich unter einen Schirm.

Daumen hoch! Der Kuss mit Mundschutz ist witzig. Wir lachen noch über mangelnde Klopapierrollen aber wundern uns nicht mehr über ratlose Politiker.

Kann der Gigant besiegt werden? Der Leviathan aus der christlichen Mythologie steigt aus dem Wasser. Man spricht schon von der Wahl des Bundestags im Herbst 2021.

Die biblische Geschichte von Susanna im Bade ging für die Männer schlecht aus. Es gefiel mir, nur die Männer abzubilden.

Die Mutter mit Kind, nach einem Bild von Frank Walter, der sein ganzes Leben lang kein Bild verkaufen konnte. Es erinnerte mich an meine jüngste Tochter, die oft genau wie auf dem Bild getragen werden wollte.

Unser Nussbaum

Es war in der Emilia Romagna, im Dorf Serpiano, das 1030 m über dem Meeresspiegel liegt, in dem die Sterne in der Nacht zahlreicher, größer und heller leuchteten als irgendwo sonst. Es gab dort eine Kirche, einen Dorfbrunnen und ein Geschäft, in dem man einkaufen, übernachten und Post abgeben konnte und eine alte Steinmauer. Die Mauer sei aus der Barbarossa-Zeit behauptete Tanos Tante, sie gehöre zu ihrem Haus. Es war kalt in dem hochgelegen Dorf, deshalb durfte in ihrer Küche eine Henne brüten.

In ihrem Garten gab es einen alten Walnussbaum…

Von diesem Baum keimte eine Nuss in unserem Rottacher Garten, wuchs und breitete sich Jahr für Jahr weiter aus. Die Nüsse waren gut. Für Gemüsepflanzen und für uns im Haus wurde es jedes Jahr schattiger. Das Fällen verschoben wir immer wieder aufs nächste Jahr. Ein Sturm übernahm es dann für uns.

Wir waren froh und traurig zugleich. Doch der Nussbaum hinterließ uns einen Sämling.

Wir pflanzen ihn hinter das Haus. Fast unbemerkt und viel zu schnell stand ein neuer Baum. Der Nachbar sorgt sich jetzt über den Schatten, deshalb stutzte Riccardo heuer seine Spitze und fand sechs große Nüsse, die ersten, die er trug. 

Hoffentlich verkraftet der Baum den Schnitt. Die Geschichte begann, als Riccardo noch kein ganzes Jahr alt war.

Live-Musik 2020

In den letzten Wochen standen bei mir die Musik und das Zeichnen von Menschen im Mittelpunkt. So viele Live-Konzerte im Freien wie in diesem Corona-Jahr habe ich selten besucht. Wenn ich meine Skizzen betrachte, höre ich noch genau die gespielten Melodien und spüre die Atmosphäre eines besonderen Jahres. Schade, dass der Sommer langsam zu Ende geht.

Konzert am Gasteig

Vor dem Gasteig spielte das Jazz-Duo Ladybird Lieder aus den 30er Jahren, die Stimmung war entspannt und angenehm. Nachdem ich in den letzten Monaten mehr Stadtansichten gezeichnet hatte, freute ich mich darauf wieder mal Menschen zu skizzieren.

Auf dem Luise-Kiesselbach-Platz

Das Quartett Jeanne d’azz spielte auf dem Luise-Kiesselbach-Platz, ein Ort bei dem ich eher an Mittleren Ring und Tunnelbau als an Musik auf der grünen Wiese denke. Aber der Tunnel ist ja längst fertig und so saß ich an einem lauschigen Abend im Gras und genoss die letzten Sonnenstrahlen des Tages bei toller Musik.

Jeanne d’azz auf dem Luise-Kiesselbach-Platz

Der Moosacher Musiknach(t)mittag

Die Moosacher Musiknacht fand dieses Jahr am Nachmittag und im Freien statt, deshalb wurde sie diesmal Musiknach(t)mittag getauft. An mehreren Orten im Münchner Stadtteil Moosach traten verschieden Bands und Musiker und Musikerinnen auf. Ich hatte viel Spaß und Abwechslung.

In der Pfarrkirche St. Martin spielten Bernhard (Orgel) und Sebastian Hofmann (Jazz-Violin) ein Cross-Over aus Klassik, Pop und Jazz.
Vor dem Pelkovenschlössl traten „The Movement“ auf – mit einer Mischung aus Soul, Funk, Blues und Rock. Wäre nicht mein Bleistift und Skizzenbuch gewesen, hätte es mich nicht auf dem Stuhl gehalten.
Vor der Meile Mooach spielte die großartige Beatles-Coverband „The Bottles“. Wenn man dann im Takt der Musik mitschwingt und auch unter dem Mund-Nasen-Schutz mitsingt, ist es nicht mehr so einfach mit dem Zeichnen
Nektar Sofia (sorry, ich hab den Namen im Skizzenbuch falsch geschrieben) war am Moosacher Stachus/Brunnen zu hören. Ich mochte ihre lauten und leisen Songs, die wie aus dem Leben gegriffen waren.

Sommer in der Stadt

Dieses Jahr ist alles anders.

Wie jeden Donnerstag, traf ich mich Anfang März mit meinen Zeichenfreunden im Museum. Wir haben zusammen gezeichnet und freuten uns schon auf das nächste Treffen. Doch Corona machte uns einen Strich durch die Rechnung und wir sahen uns so schnell nicht wieder …

Zu Hause war ich leider nicht sehr motiviert mein Skizzenbuch herauszuholen. Am 25. Juni packte ich zum ersten Mal wieder meine Zeichenutensilien zusammen und es ging zum Schloss Nymphenburg. Noch war ich alleine. Es war ein warmer Tag und die Wolken zogen über den Himmel der Stadt. Es fühlte sich sehr gut an, wieder einen Stift und einen Pinsel in der Hand zu halten.

Schloss Nymphenburg mit Wolken, Bleistift mit Aquarell

Die Urban Sketchers Munich trafen sich – nach langer Pause – erstmals im Juli wieder. Wir freuten uns alle sehr, als wir uns beim Schloss Blutenburg wieder sahen. Dass gemeinsame Kaffee-Trinken und die Köpfe-Zusammenstecken musste aber leider noch entfallen.

Blick auf das Schloss Blutenburg, Bleistift mit Aquarell

Die Treffen am Donnerstag im kleinen Kreis konnten auch wieder stattfinden. Sehr schön und ruhig war es in der Gunzenlehstraße. Die von Theodor Fischer Anfang des 20. Jahrhunderts erbaute Siedlung in Laim strahlte eine dörfliche Stimmung aus. Ich vergaß beinahe, mitten in der Stadt zu sein.

Siedlung Theodor Fischer in Laim, Bleistift mit Aquarell

Ein Riesenrad am Königsplatz? Das gab es noch nie. Was für ein ungewöhnlicher Anblick. Die Aktion nennt sich „Sommer in der Stadt“. An mehreren Orten in München wurden Fahrgeschäfte aufgestellt, praktisch eine Alternative zum Oktoberfest, das 2020 nicht stattfinden wird.

Riesenrad vor den Propyläen auf dem Königsplatz, Bleistift mit Aquarell

Am Odeonsplatz war es mir fast schon zu laut und voll. Sehr entspannt war es dagegen am Moosacher St.-Martins-Platz. Kinder spielten vor dem Pelkovenschlössl, das 1690 von den Brüdern Veit Adam und Maximilian von Pelkoven erbaut wurde. Das damalige Hofmarkschloss dient heute als Kultur- und Bürgerhaus.

Auf dem Odeonsplatz
Auf dem Odeonsplatz, Bleistift mit Aquarell
Pelkovenschlössl in Moosach, Bleistift mit Aquarell

Jubiläumskatalog der Isargilde

1970 entstand die Künstlervereinigung zuerst unter dem Namen „Malergruppe Pilsting“, zwei Jahre später trat sie als „Isargilde“ auf. Jetzt im Jahr 2020 kann sie auf 50 Jahre zurückblicken. Die Gründungsväter sind noch heute im Verein.

Die Isargilde ist nicht nur auf Niederbayern beschränkt, sondern überregional aktiv. Der bayerische Ministerpräsident Dr. Markus Söder schreibt im Katalog, sie wirke als Botschafterin bayerischer Kultur.

Jeder Künstler hatte vier Seiten zur Vorstellung zur Verfügung.

Der Vorsitzende Werner Glaßen schreibt über Tona: „Rein in Keramik arbeitet die 1997 zur Isargilde gestoßene Bildhauerin Waltraud Milazzo aus Rottach-Egern. Mit von ihr entwickelter Oberfläche und mit einem Augenzwinkern versehenen Keramikobjekten arbeitet sie zumeist realistisch.“