In Krumau und Budweis

Egon Schiele

Faszinierend der Blick von der Burg hinunter zur Moldau. Ich war mit Tano nicht in Prag, sondern in dem kleinen Städtchen Krumau, tschechisch Český Krumlov.

Ich versuchte diesen großartigen Anblick mit dem Fotoapparat einzufangen. Dach an Dach, unterschiedlich hoch, eingezwickt und in unterschiedlichen Giebelrichtungen stehen die Häuser. Nur die Moldau unterbricht und teilt das Häusergewirr und schlingt sich wie ein Rahmen um einen Teil der Stadt. Ein pittoreskes Stadtbild in den Farben terrakottarot und erdig mit weißen und dunklen Akzenten.

Sofort dachte ich an die Bilder von Gustav Klimt und Egon Schiele.
Jetzt weiß ich, warum Schiele gern in der schönen Heimatstadt seiner Mutter geblieben wäre. Im Jahre 1911 empörten sich die Bewohner über ihn. Seine jungen Mädchen als Modelle und sein Leben in wilder Ehe waren zu viel für sie. Nach nicht einmal einem Jahr Aufenthalt konnte er nicht mehr bleiben. Er wurde zu drei Tagen Haft wegen Verbreitung unsittlicher Zeichnungen verurteilt.

Doch jetzt nach hundert Jahren rühmt sich die Stadt, dass die Zeit in Krumau Schieles schaffenskräftigste war. Die Bilder mit Titeln wie z. B. die kleine Stadt, gelbe Stadt, tote Stadt und Stadt am blauen Fluss sind Ansichten ihrer Stadt.

Unsere Stadtführerin lotste uns an die Stelle, von der man das kleine gelbe Haus mit dem Balkon sehen konnte, in dem Schieles Mutter wohnte.

Auf unsere Bitte hin, führte sie uns am Egon Schiele Art Centrum vorbei. Vor zwanzig Jahren wurde die ehemalige Stadtbrauerei aus dem 16. Jhdt. renoviert. und ist nun ein Kulturzentrum, das Egon Schiele gewidmet ist.


Egon Schiele Art Centrum in Krumau

Auf dem Rückweg zum Bus kamen Tano und ich, bepackt mit Budweiser, Pilsner Urquell und einer Tüte mit Kohinoor Hardtmuth Bleistiften wieder am Schiele Centrum vorbei. Obwohl wir nur noch eine halbe Stunde Zeit hatten, überlegten wir nicht lange und zahlten den Eintritt.

Neben der ständigen Ausstellung über Egon Schieles Leben und Werk gibt es auch Saisonausstellungen. Der Titel der diesjährigen Ausstellung lautet Intimissimo (Privatleben).

Leider reichte die Zeit nur für zwei der fünf ausstellenden Künstler. Wir lernten die Arbeiten der Tschechin Alena Kupčíková und der Österreicherin Miriam Schwack kennen. Beide kannten wir nicht.

Miriam Schwacks Werke waren sehr prägnant, besonders ihre Acrylbilder mit dem völlig schwarzen Hintergrund und den partiell angeordneten, hellen Gesichtern.

Nicht so schnell werde ich die Arbeiten von Alena Kupčíková vergessen. Die zarten Bleistiftlinien ihrer erotischen Aktdarstellungen entpuppten sich als Haare; hauptsächlich waren es weibliche Schamhaare, vereinzelt auch Tierhaare. Für mich waren die Bilder sehr intim und trafen das Thema sehr gut. Ich hatte aber auch das ungute Gefühl, welches man hat, wenn man ein fremdes Haar in der Suppe findet.

Ich erinnerte mich an die Documenta12. Sehr apart fand ich damals die Stickereien der chinesische Künstlerin Hu Xiaovuan auf weißer Seide in alten Stickrahmen. Das Garn war ihr eigenes Haar.


Bleistifte aus Budweis

Vor der Reise nach Budweis und Krumau nahm ich mir ganz fest vor, Riccardo die Bleistifte Koh-i-Noor Hardtmuth mitzubringen, falls ich Gelegenheit habe. Den schönen Namen Koh-i- Noor trägt ein indischer Diamant.

Früher kamen die Graphitstifte aus England. Sie waren hart und teuer. Graphit wurde mit Schwefel geschmolzen, abgekühlt und in Stäbe zerschnitten.

1790 erfand Josef Hardtmuth eine geschmeidigere Masse. Er mischte Graphitstaub mit Ton und Wasser, drückte die Masse durch Matrizen und erreichte durch verschiedene Brenndauern Minen mit unterschiedlichen Härtegraden.

Im 18. Jahrhundert wurde in der Nähe von Krumau ein Graphitlager entdeckt. Nachdem die Firma Hardtmuth Abnehmer des Graphits war, begann der Abbau. Hardtmuth verlegte sein Unternehmen von Wien nach Budweis  Die Gesellschaft existiert noch heute.

Die Bleistifte fanden Tano und ich in einem Künstlerbedarfgeschäft in Krumau. Der Laden war voll mit japanischen Touristen. Ich wunderte mich. Sind die Stifte auch in ihrem Land bekannt? Kein Wunder, Riccardo liebt auch die japanischen Tuschestifte.

Fazit: Die Bleistifte gibt es bei uns auch, in der gleichen Verpackung, mit der gleichen englischen Beschriftung und wahrscheinlich auch zum gleichen Preis.
Ob sie tatsächlich in der Tschechischen Republik hergestellt wurden ist bei einem Unternehmen mit vielen Tochtergesellschaften auch nicht sicher. Trotzdem freue ich mich über ein Mitbringsel aus Krumau.


Krumau

Das Zentrum des Ortes mit Sehenswürdigkeiten aus der Gotik, der Renaissance und dem Barock ist Unesco Welterbe.

Fachkundlich und epochal beraten ist alles prächtig und strahlend restauriert und unauffällig und dezent zu Restaurants, Cafés, Hotels oder Andenkengeschäften um- und hergerichtet. Sogar der Stein an der Stelle, wo man früher die Delinquenten köpfte, ist mit einem Kreuzchen markiert.

Ein wundervoller Ort, fast zu schön, als wäre alles für mich aufgebaut worden.

Auf den unregelmäßig verlegten, großen und kleinen Pflastersteinen, schnackelten meine Füße um, obwohl ich feste, flache Schuhe trug. Das gehört ebenso dazu, wie die
zwei Polizisten, die uns in unserem Bus eine dreiviertel Stunde warten ließen, und die große drehbare Zuschauertribüne mitten im schönen barocken Garten (für das Unesco Erbe ein unhistorisches, störendes Unikum) eigentlich auch.

Ich trug ja auch die Karlsbader Oblaten mit nach Hause, obwohl ich sie gar nicht mag.

Ein Stückchen Stuck in meinen Händen

1960 gab der damalige Pfarrer Josef Kronast eine kleine Chronik der Pfarrei Egern heraus – „Rottach-Egern am Tegernsee“. Darin steht über die Barockisierung des spätgotischen Innenraums der Rottach-Egerner Kirche folgendes:

„Schlierseer Maurer-Stukkateure haben 1671/72 die Egerner Kirche ausstukkiert. Überliefert sind uns die Namen des Poliers Martin Fischer, der Geselle Hans Nagel, Hans Gaißl und Kaspar Erhardt, des Gipskochers Martin Ehamb.

Der Stuck stammt aus der Frühzeit bairischen Barocks. Mag die Arbeit auch etwas plump sein, sie ist uns ein Zeugnis der Anfangsepoche bairischen Stucks, den einheimischen Meister schufen (Miesbacher Schule!). Der Stuck zeigt Symbole des Glaubens. Die Weintraube weist auf die Eucharistie hin.“

Zur Zeit, als Pfarrer Alfons Siegl in Rottach-Egern war, wurde der Stuck in der Kirche gereinigt. Ein Stückchen Stuck, ein Abguss von einer Original-Weintraube, schenkte Pfarrer Siegel mir. Leider ist sie nicht von einem Original aus der Kirche. Zu meiner Traube würde auch die Beschreibung von Pfarrer Kronast nicht passen.

Nachtrag:
In der Chronik von Pfarrer Kronast las ich einen kurzen aber interessanten Beitrag:

Am 2. Juni 1452 (heute vor 560 Jahren) verlieh Kardinal Nikolaus von Cusa allen einen Ablaß von 40 Tagen, die zum Bau der Egerer Kirche oder deren Ausschmückung beitragen.“

Den Ablasshandel gab es nicht nur für den Bau der Peterskirche in Rom.