Der Kindergarten

Ich habe dreißig Jahre im Rottach-Egerner Kindergarten gearbeitet. Heute, mit zweiundachtzig, liegt diese Zeit hinter mir, wie ein Weg. 

Als vor einiger Zeit unsere frühere Kindergartenköchin starb, begann ich mich wieder zu erinnern. Nicht an alles, an Bilder, an Gerüche, an Stimmen, die manchmal noch da sind. 

Ich kam im Winter mit einem schweren Koffer. Über dem Kindergarten, im ersten Stock, bekam ich ein kleines Zimmer. Der Schnee lag hoch, die Treppe war kalt. Kaum war ich angekommen, zog neben mir eine Kollegin ein. Wir sahen uns an, erkannten uns und fielen uns in die Arme: 
Cäcilia, eine Freundin aus der Internatszeit, mit der ich in einer Klasse gewesen war. Dass wir uns ausgerechnet hier wiederfanden, erschien mir wie ein Geschenk. Ich wusste: Ich würde bleiben. 

Meine Vorgesetzten waren Pfarrer. Jeder von ihnen brachte eine andere Art mit. Einer war warm und volksnah, einer still und zurückhaltend, der letzte unruhig und voller Energie. 
Mit dem ersten war der Kindergarten noch stark mit dem Dorf verbunden. Der Bürgermeister kam zu Festen, Eltern halfen selbstverständlich mit, eine Mutter sprang ein, ein Vater nagelte ein Regal. Drei Gruppen wurden es, später fünf. Der Lärm nahm zu, die Räume schienen kleiner zu werden. 

Kinder bei der Gartenarbeit im Kindergarten – mit Erde, Schaufeln und viel Eifer.
Kinder beim „Gartln“ im Kindergarten – mit Erde, Schaufeln und viel Eifer.
Kindergartenkinder verzieren ein Lebkuchenhaus.
Kinder beim Verzieren eines Lebkuchenhauses – mit Mandeln und bunten Süßigkeiten.

Viele Namen habe ich vergessen, zuerst die der Kinder, dann die der Eltern, schließlich auch die mancher Kolleginnen. Manche Menschen waren nur kurz da, andere sind mir bis heute nahe. Ich denke an die Österreicherin, die jeden Tag kam, egal wie tief der Schnee lag, manchmal über die Berge. Mehr weiß ich nicht mehr von ihr, nur diese Beharrlichkeit. 

Eine junge Erzieherin, Tochter von Kriegsvertriebenen, tat sich schwer mit unserer Art. Obwohl sie hier aufgewachsen war, blieb eine Distanz. Ähnlich war es bei einer Kollegin aus der DDR. Ihre Hände arbeiteten sorgfältig, beinahe streng. Sie zeigte den Kindern, wie man Pinsel auswäscht und sauber abstreift. Sie sah meinen Maltisch voller Farbspritzer an und wunderte sich. Ich wunderte mich über sie. 

Es gab Kolleginnen, die viel Raum einnahmen. Eine von ihnen, kaum jünger als ich, war sehr bestimmend. Jahre später traf ich ihre damalige Praktikantin zufällig. Sie erzählte, wie sie sich oft allein gelassen gefühlt hatte. Ich hörte nur, dass sie kurz vor der Abholzeit auf der Gitarre spielte, laut und mitreißend. Die Kinder stürmten hinaus, die Eltern waren begeistert. Manchmal ließ sie die Kinder sich kurz vorher im Keller austoben. 

Unsere Leiterin trug etwas Schweres in sich. Sie suchte Anerkennung, erzählte manches mehrfach, jedes Mal ein wenig anders. In der Mittagspause saß sie oft bei uns. Wir merkten ihre Unsicherheit – und halfen ihr zu selten. Über ihre Kindheit sprach sie kaum. Nur dass sie an der Grenze in Holland geboren wurde und später nach Venezuela kam: Caracas, Häuser ohne Fenster. Bei Ausflügen über die Grenze hielt sie ihren Pass fest. 

Maria arbeitete lange mit mir in der Gruppe, verlässlich und unbeirrbar. Ich war für sie nicht immer einfach. Ich ließ die Kinder frei arbeiten, mit Holz, Ton, Farbe und Kleber. Das Aufräumen blieb oft an ihr hängen. Sie hatte zwei Kinder, ich vier. Ihre schienen nie krank zu sein, meine schon. 

Einmal nahmen wir alle an einem Kurs für Orff-Instrumente teil. Ohne unsere musikalische Vevi hätten wir uns blamiert. Wir mochten sie alle. Die Eltern auch. Ihre Stimme war ruhig, ihre Gruppe stiller als die anderen. Sie hielt sich fern von allem, was verletzen konnte. 

Liese blieb nur kurz. Ich mochte sie sehr. Noch bei unserem letzten Christkindlmarkt besuchte sie uns mit heißem Tee und Gebäck. Lange war sie nicht bei uns im Kindergarten. Sie arbeitete dann im Deutschen Museum in München. Der Kindergarten war ihr zu klein geworden. 

Mein Abschied fiel mir schwer. Eine neue Leiterin sah in mir eine Rivalin. Sie legte meine Gehaltsabrechnung offen ins Büro, verbot mir den Computer. Sie ließ mich spüren, dass sie mich nicht an ihrer Seite haben wollte. Mit dem frisch aus dem Studium kommenden Pastoralassistent erreichte sie das Ziel. Jetzt muss ich lächeln über die passenden Namen: Fußeder und Faller. 

Rottacher Pfarrherren, meine Chefs

Den Kindergarten ließ Pfarrer Kronast 1957 erbauen und 1971 durch einen Neubau erweitern. Er war mein erster Chef.

In den unteren Räumen befand sich der Kindergarten, im ersten Stock wohnten die Krankenschwestern des 3. Ordens. Sie erzählten, dass eine von ihnen die erste Kindergärtnerin im Haus gewesen war. Gleich neben den Schwestern bekamen meine Kollegin und ich ein Zimmer.

Krankenschwestern des 3. Ordens

Abends saßen Cäcilia und ich oft bei ihnen im Wohnzimmer, schauten fern und aßen Plätzchen. Es fühlte sich an wie ein Abend in der Familie. Wenn wir begeistert von unserem Chef erzählten und davon, wie nett er zu uns war, schmunzelten sie nur.

Mit diesem ersten Pfarrer erlebte ich eine sehr gute Zeit. Er traute meinen Mann und mich und taufte unsere vier Kinder.

Vor meiner Hochzeit wollte er von meinem Mann die Adresse seines Heimatpfarrers wissen und sich über ihn erkundigen. Als er erfuhr, dass Catania über 300.000 Einwohner und 90 Kirchen hatte, gab er das Vorhaben gleich wieder auf.

Pinas Taufe war sehr persönlich gestaltet. Nach den Worten „Ich taufe dich“ stoppte er kurz und sagte: „Hosst an Blitz?“ Dann wartete er einen Moment und sprach weiter: „… und im Namen des Herrn.“ Er hatte gesehen, dass mein Fotoapparat noch nicht startbereit war.

Bei einem Betriebsausflug verlor er im Bus seine Kontaktlinse. Ich fand sie. Am nächsten Tag stand er zum Dank mit einer Flasche Wein vor dem Kindergartentor und rief, den Kinderlärm übertönend: „Miiilaaazin!“ Nur er konnte meinen Namen Milazzo so schön auf Bairisch aussprechen.

Zum Fronleichnamsfest legte ich gemeinsam mit Cäcilia und einer Krankenschwester einen Blumenteppich. Er war wunderschön geworden. Als der Pfarrer darüber ging, besser gesagt darüber schlurfte, glich er danach einem Abfallhaufen. Einen zweiten Blumenteppich machten wir nie mehr.

Pfarrer Oster, wer war das eigentlich? Ich habe es vergessen. Auch wie lange er da war. Ich erinnere mich nur noch daran, wie wir vom Kindergarten und viele Rottacher Bürger vor dem Pfarrhof standen und lautstark riefen: „Wir wollen Pfarrer Oster!“, während im alten Pfarrhof eine große Besprechung mit Leuten aus dem Ordinariat aus München stattfand.

Mit dem darauffolgenden Pfarrer Alfons Siegl hatten wir Glück. Er war ein sehr besonnener, ruhiger Mann. Seine Mutter führte seinen Haushalt. Wir glaubten, er könne gar nicht schimpfen. Als er zu uns kam, hatten wir bereits einen Anbau und vier oder fünf Gruppen. Dadurch wurde das Miteinander im Team komplizierter, und er sorgte sich, wenn es nicht ganz so friedlich lief.

Pfarrer Alfons Siegl

Er engagierte gegen Bezahlung einen Mediator, der nach dem ersten Zusammensitzen gleich aufgab und den Auftrag ablehnte. Nachdem auch der zweite aufgab, gab schließlich auch der Pfarrer auf.

Was ich ihm nie vergessen werde: In Landshut besuchte er eine evangelische Kirche, es war ja nicht der nächste Weg, in der meine aus Steinzeug geformten 13 Kreuzwegstationen während der Fastenzeit aufgestellt waren. Sie gefielen ihm sehr und ich freute mich.

Mit dem neuen Pfarrer und dem frisch ausgebildeten Pastoralassistenten ging meine Zeit im Kindergarten zu Ende. Ihre Namen, Grobmaier und Faller, möchte ich gerne vergessen.

Ich habe lange gearbeitet und viele Menschen kommen und gehen sehen.

Unser Nussbaum

Es war in der Emilia Romagna, im Dorf Serpiano, das 1030 m über dem Meeresspiegel liegt, in dem die Sterne in der Nacht zahlreicher, größer und heller leuchteten als irgendwo sonst. Es gab dort eine Kirche, einen Dorfbrunnen und ein Geschäft, in dem man einkaufen, übernachten und Post abgeben konnte und eine alte Steinmauer. Die Mauer sei aus der Barbarossa-Zeit behauptete Tanos Tante, sie gehöre zu ihrem Haus. Es war kalt in dem hochgelegen Dorf, deshalb durfte in ihrer Küche eine Henne brüten.

In ihrem Garten gab es einen alten Walnussbaum…

Von diesem Baum keimte eine Nuss in unserem Rottacher Garten, wuchs und breitete sich Jahr für Jahr weiter aus. Die Nüsse waren gut. Für Gemüsepflanzen und für uns im Haus wurde es jedes Jahr schattiger. Das Fällen verschoben wir immer wieder aufs nächste Jahr. Ein Sturm übernahm es dann für uns.

Wir waren froh und traurig zugleich. Doch der Nussbaum hinterließ uns einen Sämling.

Wir pflanzen ihn hinter das Haus. Fast unbemerkt und viel zu schnell stand ein neuer Baum. Der Nachbar sorgt sich jetzt über den Schatten, deshalb stutzte Riccardo heuer seine Spitze und fand sechs große Nüsse, die ersten, die er trug. 

Hoffentlich verkraftet der Baum den Schnitt. Die Geschichte begann, als Riccardo noch kein ganzes Jahr alt war.

Ostern 2017

Mit dem Skizzenbuch im Gepäck kam Pina zu ihren Eltern. Endlich hat sie einmal Zeit als Urban Sketcherin die schönen Ecken von Rottach-Egern zu entdecken. Daraus wurde nichts. Regen und nur 5 Grad Celsius hielten sie im Haus fest. Dafür entstanden wunderschöne Porträts der Eltern und von zwei ihrer Geschwister.

Kriegs- und Einmarschberichte 1945

Am letzten Samstag, den 28. März, hörten Tano und ich einen Vortrag über die letzten Kriegstage im Tegernseer Tal.
Zwei junge Historiker, Dr. Veronika Diem und Dr. Roland Götz, lasen aus den Kriegs- und Einmarschberichten der Pfarrer des Erzbistums München und Freising. Das Münchner Ordinariat forderte nach dem Krieg alle Pfarrer auf, über die Vorkommnisse der damaligen Zeit zu berichten. Am 1. August 1945 mussten alle Abgabeberichte im Ordinariat sein.
Das Tal war überfüllt mit Flüchtlingen, Ausgebombten, evakuierten Kindern und Kriegsverletzten. Eine SS-Division baute in Bad Wiessee und St. Quirin eine Verteidigungslinie gegen die aus Bad Tölz heranrückenden Amerikaner auf. So kam es, dass noch kurz vor Ende des Krieges ein Bombenangriff der Amerikaner auf das Tegernseer Tal drohte. In letzter Minute verhinderten es mutige Bürger.

Pfarrer Kronast

Pfarrer Kronast

Neugierig war ich, was unser alter Pfarrer Kronast (1902-1989), der unsere Kinder taufte und lange Jahre mein Chef war, geschrieben hatte. Sein Bericht trudelte verspätet im Oktober 1945 ein.
Er schrieb wenig: ein Haus brannte, die Weißachbrücke wurde gesprengt und 300 Dachauer KZ ler mussten zurück nach Waakirchen gehen. Das wichtigste war ihm die Wiederbelebung der Marienwallfahrt zur Egerner Madonna, die 1806 vom Staat aufgehoben wurde. Egern sollte wieder Wallfahrtsort werden. Am 13. Oktober pilgerten die Gläubigen zum Dank nach Birkenstein.

Fast alle Pfarrer berichteten, wieviel Kirchenwein sie noch vorrätig hätten. Das brachte die Zuhörer zum Schmunzeln. Roland Götz erklärte, wie wichtig das war. Ohne Wein konnte keine Messe gefeiert werden.

Ein Stückchen Stuck in meinen Händen

1960 gab der damalige Pfarrer Josef Kronast eine kleine Chronik der Pfarrei Egern heraus – „Rottach-Egern am Tegernsee“. Darin steht über die Barockisierung des spätgotischen Innenraums der Rottach-Egerner Kirche folgendes:

„Schlierseer Maurer-Stukkateure haben 1671/72 die Egerner Kirche ausstukkiert. Überliefert sind uns die Namen des Poliers Martin Fischer, der Geselle Hans Nagel, Hans Gaißl und Kaspar Erhardt, des Gipskochers Martin Ehamb.

Der Stuck stammt aus der Frühzeit bairischen Barocks. Mag die Arbeit auch etwas plump sein, sie ist uns ein Zeugnis der Anfangsepoche bairischen Stucks, den einheimischen Meister schufen (Miesbacher Schule!). Der Stuck zeigt Symbole des Glaubens. Die Weintraube weist auf die Eucharistie hin.“

Zur Zeit, als Pfarrer Alfons Siegl in Rottach-Egern war, wurde der Stuck in der Kirche gereinigt. Ein Stückchen Stuck, ein Abguss von einer Original-Weintraube, schenkte Pfarrer Siegel mir. Leider ist sie nicht von einem Original aus der Kirche. Zu meiner Traube würde auch die Beschreibung von Pfarrer Kronast nicht passen.

Nachtrag:
In der Chronik von Pfarrer Kronast las ich einen kurzen aber interessanten Beitrag:

Am 2. Juni 1452 (heute vor 560 Jahren) verlieh Kardinal Nikolaus von Cusa allen einen Ablaß von 40 Tagen, die zum Bau der Egerer Kirche oder deren Ausschmückung beitragen.“

Den Ablasshandel gab es nicht nur für den Bau der Peterskirche in Rom.

Die katholische Kirche in Rottach-Egern

Zum Jubiläumsjahr „900 Jahre Kirche in Egern“ wurde der 51 Meter hohe Kirchturm neu gestrichen, die Zifferblätter erneuert und die goldene Kugel und das Kreuz an der Spitze restauriert.

Bis heute ist die gotische Kirche am See vor der Alpenkulisse ein beliebtes Postkartenmotiv. Auch in unserem Eingang hängen Bilder vom „Malerwinkel“: ein Aquarell, eine Radierung, Fotos und zwei alte Postkarten von meiner Großtante. Neugierig habe ich die Karten entrahmt und sah, dass sie im Jahr 1904 abgestempelt wurden. Das 100 jährige Jubiläum habe ich verpasst. Verändert hat sich wenig.

900 Jahre Kirche Egern

Im Jahre 1111 oder 1112 ließ Abt Aribo von Tegernsee die erste Kirche in Egern bauen. 1466 wurde dann unter Abt Ayrinschmalz der heutige Kirchenbau an der gleichen Stelle errichtet. Grund, ein Festjahr zu organisieren.

Zum Abschluss des Jubiläums wurde ein Gottesdienst mit Kardinal Reinhard Marx, dem Erzbischof von München und Freising, gefeiert. Wie es sich bei uns gehört, begann das Fest mit einem Kirchenzug.

Voran ging die Musikkapelle. Es folgten Vertreter der Politik, vom ehemaligen Europaabgeordneten bis zum Landrat und Gemeinderat. Alles, was Rang und Namen hat, machte mit, die Vereinsmitglieder mit ihren Fahnen, die Gebirgsschützen und die Schalkfrauen.

Es war ein bunter, bayrischer Festzug, doch sehr echt und authentisch. Es gab kaum neugierige Touristen, keine Polizei, die absperrte, niemanden, den die geparkten Autos störten. Fast genierte ich mich zu fotografieren, stand ich ja ziemlich allein mit Tano am Straßenrand. Dem Kardinal fiel es auf und er schenkte uns einen freundlichen Gruß.

 

Schatz auf dem Kirchenspeicher

Riccardo zeigte im vorangegangenen Eintrag die Venus von Velazquez (1599 – 1660). Jetzt möchte ich konträr dazu das „Heilige Grab“ zeigen, das zurzeit in der Rottach-Egerner Kirche aufgestellt ist. Das Verbindende ist, dass beide bedeutende, barocke Kunstwerke sind.

In der Barockzeit versuchte die Kirche den Gläubigen das Leiden und die Auferstehung Jesu besonders anschaulich nahe zu bringen. Mit einem theatralischen Kulissenaufbau und Aufstellbildern stellte man das „Heilige Grab“ dar.

Auf dem Kirchenspeicher fand man vor einigen Jahren die vollständig vorhandenen Teile eines solchen Grabes. Bemalt wurde die Kulisse von dem Münchner Kirchen- und Theatermaler Joseph Ignaz Schilling (1702 -1773). Man erkannte den künstlerischen Wert und ließ es für 360.000 € restaurieren.

Auf mein Bitten hin malte Pina für mich die Szene. Mit den Aquarellfarben konnte sie sehr gut die typischen Merkmale des Barocks herausarbeiten, wie Farbe, Bewegung, Licht und Schatten.

Man kann sich vorstellen, welch starke Emotionen das Grab früher bei den Gläubigen auslöste. Die realistische, dramatische Bühnenanlage, ein Denkmal der damaligen Volksfrömmigkeit, berührt auch uns.

Aquarell von Pina: Das „Heilige Grab“ in der Kirche zu Rottach-Egern