Die Tage werden länger:
An Weihnachten einen Muckenschritt,
Neujahr um an´ Hahnentritt,
Dreikönig um an´ Hirschsprung,
und Lichtmess um a ganze Stund.
Den Spruch sagte meine Mutter, als sie noch lebte.
Die Tage werden länger:
An Weihnachten einen Muckenschritt,
Neujahr um an´ Hahnentritt,
Dreikönig um an´ Hirschsprung,
und Lichtmess um a ganze Stund.
Den Spruch sagte meine Mutter, als sie noch lebte.
Wir waren unter uns. Die Besucher der Ausstellung „Leib und Seele“ in der Kunstgalerie der Hypo-Kulturstiftung waren alle in unserem Alter. Das bayerische Rokoko mit Exponaten aus Kirchen hätte mich vielleicht in jungen Jahren auch nicht angezogen. Ich hätte mir aber auch nicht gedacht, dass die Werke dieser Zeit (zwischen 1720 und 1780) so spannend sein könnten.
Als ich die Figur der Hl. Agathe aus der Tegernseer Kirche sah, erinnerte ich mich sofort an ein ähnliches Bild, das ich in Catania im Diözesanmuseum sah. Die Heilige trägt ihre Brüste auf einem Teller. Sie wurde gemartert, indem man ihr die Brüste abschnitt.
In der Ausstellung steht in einem Halbrondell die lebensgroße Agathafigur zusammen mit dem Hl. Florian, dem Hl. Sebastian und dem Hl. Rochus. Johann Sebastian Staub (1704-1784) hat sie geschaffen. Sie sind aus Holz und weiß gefasst. Die polierte, strahlenweiße Oberfläche sieht wie Marmor aus. Die weißen Busen bringen mich zum Lächeln. In Catania kauft man an der Bar ein süßes, weiß glasiertes Gebäck in Form eines Busens mit einem Knubbel obendrauf.
Das Stilmittel des Rokokos war hauptsächlich die Rocaille. Diese asymmetrische, bewegte und phantastische Muschelform mit Blatt und Rankenmotiv sah ich an jedem Werk. Ich hoffe, dass ich den Gegensatz vom triumphierendem Barock und dem gefühlvollen Rokoko jetzt besser erkennen werde. Mit der Schönheit und Pracht, der Lust und Leiblichkeit mit den verführerischen Reizen und den pausbackigen Putten mit prallen Rundungen sollten religiöse Gefühle geweckt werden. Unsere bayerischen Künstler, die Asam-Brüder Cosmas Damian und Egid Quirin, Johann Baptist Straub, Franz Anton Bustelli und Ignaz Günther holten, wie ich las, den Himmel auf die Erde.
Dass man die vier letzten Dinge: Tod, Gericht, Himmel und Erde mit Büsten von lieblichen Puttenköpfen darstellen konnte, erstaunt mich. Eine Schlinge um einen Engelskopf symbolisiert das Gericht. Ein Lorbeerkranz auf dem Lockenkopf bedeutet Himmel, dagegen eine Schlange an den Pausbacken Hölle. Trotz weinenden Augen und traurigem Mund sind es hübsche Babygesichter. Nur der Tod wurde durch einen Kindertotenkopf dargestellt.
Interessant fand ich die Gegenüberstellung der Bozzetti (Entwürfe) und der fertigen Werke: gezeichnete Skizzen für Altaraufbauten, Tonfiguren als Vorlage für Schnitzarbeiten. Die Schnitzereien waren wiederum Modelle für den Goldschmied..
Die Ausstellung ist noch bis zum 12. April geöffnet.
Nachtrag (siehe Kommentare zu diesem Blogeintrag):
An einem windigen, verschneiten Sonntag traf ich mich mit anderen Zeichnern in der Pinakothek der Moderne. Auf der Suche nach einem Motiv fiel mir eine Gruppe aus Erwachsenen und Kindern auf. Eine Führerin erläuterte der Gruppe einige Ausstellungsstücke und teilte dann Papier und Stifte an die Kinder aus. Die Kleinen begannen eifrig mit dem Zeichen, während die Erwachsenen noch weitere Erläuterungen bekamen. Wie passend, habe ich mir gedacht. Mein erstes Motiv des Tages war gefunden. Gerne hätte ich auch die Zeichnungen der Kinder gesehen.
Im Museum beobachtete ich einen Fotografen bei der Arbeit. Er blieb nicht lange an einem Ort stehen, immer auf der Suche nach der perfekten Perspektive.
Ein Museumsbesuch macht müde und deshalb sind Sitzgelegenheiten eine tolle Sache. Bei einer solchen Pause kann man auch einen Blick auf sein Smartphone werfen. Nachdem ich den Mann gezeichnet hatte, zog ich auch mein Telefon heraus. Keine neue Nachricht …
Zuletzt habe ich noch einige Besucher in der eindrucksvollen Eingangshalle festgehalten.
Die Großfamilie, die wir während der Festtage waren, hat sich leider wieder aufgelöst. Geblieben sind uns nur noch Gustavs drei Schneemänner vor unserem Kücheneingang.
In Wikipedia las ich, dass vor 245 Jahren der Begriff Schneemann zum ersten Mal in einem Leipziger Kinderliederbuch als Begriff auftauchte. Ein Leipziger Bub baute jetzt im Jahr 2015 gleich drei Schneemänner. Viel freundlicher als der grimmige im Buch gucken sie in unsere Küche.
Meine Mutter hatte kein eigenes Poesiealbum. Sie durfte das ihrer älteren Schwester weiterbenützen. Deshalb finde ich Einträge, die über hundert Jahre alt sind.
Der Glaube sei Dein Steuer,
Die Hoffnung Dein Magnet,
Die Liebe Dein Segel,
Das Ruder das Gebet,
Und in des Schiffleins Stille,
Steht Christi Kreuz als Mast,
Den man mit Lob und Bitte,
In jeden Sturm erfasst.
Gewidmet von Deiner Patin
Anna Riedisser
Pfaffenberg den 26. Juli 1915
Meine Ohren taten weh. Wir waren im Anflug auf Catania. Der Ätna lag im Schatten, nur der schneebedeckte Gipfel strahlte im hellen Licht der Sonne. Wie zerzupfte Watte lagen die Wolken unter uns, dazwischen die Farben der Felder, braun, grau und beige. Diesen ergreifenden Moment wollte ich festhalten und ich nahm mir vor Tagebuch zu schreiben – das Ergebnis hier.
Cati und Pina waren so lieb und korrigierten meinen Text
Anlass unserer Reise waren Tanos halbgerader und mein gerader Geburtstag in diesem Jahr. Wir wollten nicht viel unternehmen. Einfach die Tage so nehmen wie sie kommen, Kaffee trinken, spazieren gehen, sich unterhalten, schauen und genießen.
Nur die Fahrt nach Caltagirone hatten wir geplant.
Als die Pianistin, Kamila Akhmejanova, die ersten Töne am Klavier anschlug und noch bevor der rumänische Tenor Marius Zaharia die Lieder anstimmte, flüsterte mir Tano schon die Titel der Lieder ins Ohr. Es waren neapolitanische Volkslieder, geschrieben und komponiert vor allem für die italienischen Auswanderer in Amerika. Leo Slezak und Enrico Caruso sangen sie ab 1909 an der Metropolitan in New York.
Tanos Begeisterung war es, die diesen Abend für mich zu einem besonders schönen Erlebnis machte.
Peter Rixner und Sonja Still haben Slezaks Leben in einem Film nachgezeichnet. Still las Ausschnitte aus Slezaks Biografie von Hanna von Feilitzsch. Der bekannte Segler und ehemalige Hotelier des Malerwinkels erzählte von seinem Erlebnis mit Slezak als 8-Jähriger. So viel Bayrisch hat das neue Seehotel Überfahrt seit seinem Bestehen sicher noch nicht gehört.
Gleich zu Beginn der Veranstaltung sprach der neue Bürgermeister Christian Köck (ein Schulkamerad von Pina) über die Geschichte des Tals bis zum Abriss des Gasthauses „Zur Überfahrt“ und dem Neubau des „Seehotels Überfahrt“, natürlich auch im schönen bayrischen Dialekt.
Italienische Töne dann auf unserem abendlichen Heimweg. Tano musste sich nicht mehr zurückhalten und sang für mich allein „Torna a surriento“ und „Corre ‘ngrato“, so innig wie vorher Zaharia.
Im Gegensatz zur der Eröffnung der Ausstellung „Kultur am Abgrund“ im jüdischen Museum, trafen wir diesmal bei dem Vortrag von Dr. Veronika Diem im Münchner Rathaus mehrere Bekannte aus dem Tegernseer Tal. Wieder ging es um unser Tal, über die historischen Hintergründe in der Zeit zwischen 1900 und 1945.
Interessant und spannend war für mich, dass ich in der Zeitschrift „Tegernseer Tal“ einen Artikel von Tatjana Kerschbaumer über Veronika Diem fand. Diem, 1975 in Tegernsee geboren, schrieb eine Dissertation über die „Freiheitsaktion Bayerns“ bis dato ein ungeklärtes Kapitel der Geschichte zum Kriegsende in Bayern.
Gefallen hat mir auch der Veranstaltungsort, die Juristische Bibliothek im dritten Stock des neugotischen Rathauses. Ein zweistöckiger Raum mit einer wunderschönen, vergoldeten, eisernen Wendeltreppe und umlaufenden Balustraden, dazu die floralen Wandleuchter und die eichenen Schränke und Regale. Alles fast noch Original im Münchner Jugendstil.
Ich hatte mal wieder Lust auf Aktzeichnen und habe an einem Wochenendkurs an der Volkshochschule teilgenommen. Im Folgenden zeige ich eine kleine Auswahl der dort entstandenen Bleistiftzeichnungen.
Besonders Spaß haben mir die Blindzeichnungen gemacht: Man lässt den Bleistift übers Papier gleiten und schaut dabei konsequent nur aufs Model und nicht aufs Blatt. Die Ergebnisse sind dann natürlich schief und krumm, aber dafür sehr genau beobachtet und ausdrucksstark. Im Kurs haben wir und dazu gegenseitig gezeichnet.